Chapter 6 – Griechenland

…und warum mir das Orakel von Delphi die Zukunft verrät…

Die Fährüberfahrt zurück nach Piräus verlief genauso angenehm wie auf dem Hinweg vor 10 Tagen. Es war etwas Wind angesagt, deswegen war Jutta vorher etwas unruhig. Aber bis auf ca. 30 Minuten Verspätung und ein wenig Wellengang war alles optimal. Runter von der Blue Star Ferry und durch das Verkehrsgewusel in Piräus raus aus der Stadt. LEMMY noch kurz voll getankt und ab auf die Straße nach Delphi.

Es wird ein langer Tag werden, denn die Fährpassage dauerte 5 1/2 Stunden und die anschließende Autofahrt ca. 3 Stunden ohne Pause. Also ein voller Arbeitstag. Aber das ist eine Arbeit die mir Spaß macht. Auto fahren und tolle Landschaft gucken, Schiff fahren und lesen oder Sudokus lösen. Unser Ziel ist der Delphi Campingplatz, der soll super sein und nicht weit entfernt von der weltbekannten Ausgrabungsstätte.

Wir fahren keine Mautstraßen mehr, kommen aber trotzdem sehr gut voran. Die Straßen sind erwartungsgemäß hervorragend, die Landschaft immer noch beeindruckend. Wir wollen, da wir gut im Zeitplan sind, eine kurze Lunchpause machen. Das da sieht so aus, als könne man da gut halten. Ein schmaler Schotterstreifen neben der Straße, eine wackelige Bank mit Tisch und im Hintergrund steht eine Schaufensterfigur und überblickt die Szenerie.

Kunst am Picknickplatz

Ich trinke eine kalte Limo und Jutta zaubert was Leckeres zu essen. Wir haben noch Reste von gestern Abend, von Manoli. Das muss nur schnell in der Pfanne aufgewärmt werden. Ein Streuner legt sich zu mir an die Bank und nach dem schnellen Lunch geht es auch schon weiter. Bis auf eine alte, verlassene Tankstelle, wo natürlich ein paar „Lost Places“ Fotos geschossen werden, sehen wir nur grandiose Natur und Berge und hier und da ein paar verschlafene Dörfer. Dann sind wir schon fast da und durchqueren den schönen Ort Arachova. Dort sieht man auch noch einige Touristen, volle Restaurants und Bars und diverse Boutiquen und Hotels. Aber wir wollen zum Delphi Camping. Nach ein paar Kilometern und schönen Kurven sehen wir den Wegweiser.

Die Schranke ist unten, Jutta geht zur Rezeption und ich warte bei LEMMY. Die Schranke öffnet sich und ich werde vom niederländischen Betreiber rein gewunken. Zu Fuß suchen wir einen geeigneten Stellplatz und das ist gar nicht so einfach, denn es gibt mehrere Möglichkeiten. Hier in der Nähe vom Pool? Oder da runter, da ist weniger los als hier oben. Die Aussicht ist von überall fantastisch. Man steht hier direkt an der Bergabbruchkante, vor dem Runterfallen durch einen Holzzaun geschützt. Mit einem Blick bis über die Bucht von Korinth. Und das alles mehr oder weniger beschattet von Pinien. Auch einige Offroader sehen wir. Die Sonne geht schon unter und dann finden wir den einen Platz, der soll es sein.

Aussicht – unbezahlbar!

Zwischen einem Wohnmobil und einem Auto mit einem aufgebautem Zelt. Der Blick ist unbeschreiblich und in wenigen Tagen schreibe ich hier, am besten und schönsten Schreibtisch der Welt, mit Blick auf die Bucht von Korinth, ALBANIEN Chapter I. Nach einem oder zwei kalten Bieren aus dem Kühlschrank und dieser wahnsinnigen Aussicht gehen wir glücklich und erschöpft zu Bett.

Natürlich hatte ich längst meinen traumhaften Standpunkt via Facebook und Instagram mitgeteilt. Prompt kam von meiner Freundin Maddi die Frage, ob ich denn das Orakel befragt hätte, was der morgige Tag bringt. Noch nicht, schreibe ich ihr zurück, wir waren ja noch gar nicht dort. Aber ich werde das Orakle von Delphi befragen, wenn du es wünscht.

Wir machen ein kleines Müslifrühstück, etwas Saft und jeder seine zwei Becher Kaffee. Dann wollen wir die Wanderung zur Ancient City machen. Man könne auch den Bus nehmen, aber wir wollen wandern. Eine gute Stunde ca. soll es dauern bis zur Sehenswürdigkeit. Bei uns dauerte es länger.

Nicht weil wir zu langsam waren, sondern weil wir während unseres Aufstiegs, erst entlang an einem schönen Kanal, dann auf einem breiten, steinigen Pfad, umgeben von goldgelbem, trockenem Gras und vereinzelten Bäumen, plötzlich Jemandem begegneten. Der Weg war bereits steiler und weniger breit geworden, da kamen uns Sandra und Lars entgegen. Ihr seit doch die mit dem Offroadcamper, oder? Wir stehen drei Plätze weiter neben euch. Ja genau, die sind wir. Wir plaudern etwas, hören, dass uns noch ein ganz gutes Stück bergauf bevorsteht, nicht nur bis zur historischen Stätte, sondern auch dort noch, wenn wir bis zum Stadion hoch wollen. Na klar, wollen wir! Lars, unser Schwager, hat gesagt, da ist die Aussicht umwerfend. Wir verabreden uns für den späten Nachmittag auf ein Bier und eine LEMMY Besichtigung. Dann gehen wir weiter bergauf. Sandra und Lars machen sich an den Abstieg zurück zum Camp. Etwas ausgepowert kommen wir im Ort an, jetzt noch ein kleines Stück an der Straße entlang. Zum Glück nicht mehr so steil hoch und dann sehen wir schon den Eingang und den Ticketschalter. Ich habe schon ein Lokal für den Rückweg ausgespäht, für eine kleine Stärkung und ein großes Bier. Bestimmt werden wir durstig sein, wenn wir Delphi besichtigt haben. Maske auf, in „Line“ anstellen und Tickets kaufen. Eine Karte mit den eingezeichneten Bauwerken gibt es auch dazu. Es ist verhältnismäßig wenig los, ich kann fotografieren ohne andere Leute im Bild zu haben. Das ist fantastisch. Schnell sind wir fasziniert von den alten Ruinen.

Da das Theater, dort der große Tempel. Viel ist nicht mehr übrig von den Bauwerken, doch in der Fantasie erwacht alles zum Leben und ich stelle mir vor wie es wohl war damals, in dieser Zeit zu leben. Beschwerlich wird es gewesen sein, wenn ich an all den Luxus denke, den wir heute haben.

Ich erinnere mich an Prof. Prof. Dr. Dr. Dr. Lederer an der FH Rosenheim, wo ich das Vergnügen hatte 3 Blöcke von jeweils vier Wochen in Architekturstilkunde und anderen theaterrelevanten Themen unterrichtet zu werden. War dies dort gerade eine dorische Säule? Das die Römer aber den Rundbogen und das Kuppeldach entwickelt haben und damit viel größere und beeindruckendere Gebäude bewerkstelligen konnten als alle Anderen, das wusste ich noch. Aber wo zum Teufel ist das Orakel von Delphi?

Wir sind schon fast oben beim Stadion und ich möchte schon jemanden fragen, aber Jutta ist das immer peinlich und darum lasse ich es mal lieber. Eine Zeitmaschine wäre toll, denke ich bei mir. Dann würde ich mir direkt mal anschauen, wie es da wohl zu ging, 800 vor Christi. Wir erreichen das Stadion und der Ausblick ist ganz schön, nicht so berauschend wie ich erwartet hatte, aber auf jeden Fall Zeit für eine kurze Pause und ein Blick auf die Karte.

Eigentlich doch ganz beeindruckend, oder?

Wo ist das verdammte Orakel? Ich gehe nicht hier weg ohne das Orakel gesehen zu haben. Karten sind Juttas Ding, also sucht sie danach. Finden wird sie es nicht. Das steht hier nicht mit drauf. Aber die Frau an der Kasse hat doch gesagt, weiter unten an der Straße kann man auch noch was sehen. Dafür braucht man gar kein Ticket. Ach ja, stimmt. Dann nix wie los. Wir verlassen die kostenpflichtige Kultstätte und gehen die Straße entlang, die wir zuvor mit LEMMY zum Campingplatz entlang gefahren sind. Da habe ich aus dem Auto auf dem Hinweg schon was gesehen, fällt mir ein. War das evtl. das Orakel? Nur ein paar Fußminuten und wir sind an einem Wegweiser, der nach unten weist. Kein Mensch hier, kann das stimmen? Es ist später Nachmittag, die Touristen sind fast alle durch. Wir gehen abwärts. Erst eine Treppe, dann ein Weg, der sich serpentinenartig schlängelt. Und dann ist es da, das Orakel von Delphi. Es sieht beeindruckend aus in dieser Bergkulisse. Drei mächtige Säulen stehen noch in diesem magischem Kreis und mir wird klar, ich habe noch eine Aufgabe.

Gefunden!

Der Rückweg führt wieder die Straße entlang zum Ort. An einer Quelle füllen wir unsere Wasserflaschen auf und dann kehren wir ein in das Lokal mit der schönen Aussicht, was ich auf dem Hinweg schon ausgemacht hatte. Wir bestellen ein großes Bier, eine Homemade Limonata und Moussaka. Gestärkt und glücklich über diesen wunderbaren Tag machen wir uns an den Abstieg. Am Camp angekommen fällt uns ein, dass wir noch Besuch bekommen. Also schnell etwas aufräumen und dann auf die Terrasse setzen und den Ausblick genießen.

„Hey, wie war’s denn? „, schallt es von hinten. „Hey, super war es. Wir waren bis ganz oben beim Stadion und bis unten zum Orakel!“ Sandra und Lars waren da. Wir kommen ins Plaudern und gucken uns den Camper an. Jutta mit Sandra innen, Lars und ich außen. Danach umgekehrt, ich aber bleibe draußen. Wir erfahren, dass Lars auch gerne so was hätte wie wir, aber Sandra wollte erstmal ein Wohnmobil. Seit März erst haben sie ihre „Schrankwand“, wie sie ihr Mobil liebevoll nennen. Ich habe immer mehr den Eindruck, sie denken tatsächlich über eine Veränderung nach. So begeistert scheinen sie zu sein von LEMMY und von dem was wir erzählen, was so alles geht und was wir bisher so gemacht haben. Wir sind eigentlich keine typischen Wohnmobilcamper, sagt mir Sandra immer wieder. Wir wollen frei stehen und reisen und das geht mit dem Riesending nicht so gut. Das haben sie in den 6 Monaten schon festgestellt. Ihr könnt da weiter fahren, wo wir umdrehen müssen, bemerkt sie zu Recht. Ja, das stimmt, erwidere ich, um sie zu ermutigen eine Veränderung zu wagen. Dann tauschen wir noch einige Erfahrungen und Tipps aus.

„Zum Abschied sehen wir uns morgen früh sicher noch. Wir müssen uns leider schon auf die Heimreise machen.“ Sie werden uns weiter auf Instagram verfolgen, versichern sie. Sandra ist in Kavala in Griechenland geboren und wir können uns jederzeit bei Problemen melden. Sie spricht fließend griechisch, obwohl sie schon als Kind mit den Eltern nach Deutschland emigrierte. Wir tauschen unsere Kontaktdaten aus und sind dankbar für die angeboten Hilfe in der Not.

So, da war ja noch was. Ich musste das Orakel befragen, wie der morgige Tag wird. Aber wie stelle ich das an? Wie befragt man einen Steinkreis? Ein Orakel? Ich ging einmal links rum, dann einmal rechts rum, kratze mich am Kinn. Dann lief ich nach vorne, da wo ich annahm, das vorne ist. Also so, dass ich auf die drei mächtigen Säulen blickte. Ich fokussierte und konzentrierte mich. Vorher bat ich Jutta mich eine Weile in Ruhe zu lassen, schließlich musste ich eine Verbindung herstellen. Sie saß im Schatten auf einer Bank und ließ mich machen. Ich schaute nur auf die drei Säulen, blendete alles andere aus.

Wie damals, als es diese dreidimensionale Bilder gab, in den 90er Jahren, glaube ich. Man sah erst nur Muster und Linien. Doch wenn man versuchte hindurchzuschauen, dann plötzlich sah man es, den Haifisch, der aus dem Wasser sprang oder den Tyrannosaurus Rex, der mit seinem großen Maul den Säbelzahntiger jagte. Oder man sah es nicht. Es war nicht jedem gegeben diese 3 D Bilder zu entschlüsseln. Und ganz genau so ist es mit Orakeln, besonders mit dem von Delphi. Nicht Jedem ist es gegeben eine Verbindung zu knüpfen. Nicht Jedem, nicht Jedem…nicht Jedem…..Ich schaue in Leere, wie vor 30 Jahren in diese dreidimensionalen Bilder, schaue durch die drei Säulen, schaue durch sie hindurch, auf die Berge dahinter, auf die Wolken darüber, auf die Bäume am Hang, schaue auf die untergehende Sonne, ich schaue ins Nichts, ins Nichts….und dann ist sie da, die VERBINDUNG und ich sehe ALLES.

Am nächsten Tag ist uns schon klar, das wir hier länger bleiben als geplant. Wir wollen Wäsche machen, ich will schreiben an meinem nächsten Kapitel, was in der Regel eine Nachtschicht bedeutet. Wir wollen die erstklassigen sanitären Anlagen ausgiebig nutzen. Wir wollen diese fantastische Aussicht und die grandiose Atmosphäre von diesem Ort auskosten. Oder einfach gesagt, einfach mal abhängen und chillen. Den Pool haben wir ganz vergessen zu nutzen und an die Bucht von Korinth sind wir auch nicht mehr gewandert. Mittlerweile hat ein Kreuzfahrtschiff dort angelegt und wir sind froh, vorher Delphi besucht und auch das Orakel befragt zu haben. Ich habe Maddi natürlich sofort eine Instagram Nachricht geschickt. „@maddi…, du wolltest wissen, wie der morgige Tag wird und ich habe das Orakel befragt und sogar noch mehr erfahren:

Das Orakel hat orakelt!

Die Sonne wird aufgehen und wieder untergehen. Die Gezeiten werden sich vollziehen. Auf Regen folgt Sonne und die Sterne werden den Himmel hell erleuchten, andernorts verdunkeln Wolken die Pracht des Nachthimmels. Festivals werden wieder stattfinden und in Innenräumen werden Konzerte gespielt. Reisen in ferne Länder werden möglich sein, ohne Beschränkungen und die Menschen werden tanzen, lachen und singen. Bier und Wein wird fließen in Strömen und Frohlocken wird all überall erklingen. Die Fußballweltmeisterschaft 2022 wird ……….. gewinnen (das Orakel hat’s mir verraten, aber ich will dir nicht die Spannung verderben oder mir Ärger mit den Buchmachern einhandeln) und es wird ein Mittel gegen den Kater erfunden werden.

Mehr habe ich nicht erfahren, danach war Stille. Aber ich darf wiederkommen, eines Tages. Dann werde ich alles erfahren was ich wissen will. So hieß es an jenem Tag beim Orakel von Delphi.

Den kommenden Abend will ich an meinem Blog arbeiten, an Albania Chapter I. Ich bin leider immer viel zu sehr hinterher.

(Notiz am Rande: jetzt am 28.10.2021 in der Nacht, sitze ich in Tiflis, auf einem Parkplatz an der Public Service Hall, auf dem wir für ca. eine Woche stehen werden, arbeitend an Greece Chapter II, d.h. ich arbeite in Georgien noch an Griechenland, die Türkei muss ich noch nacharbeiten, das erste Mal also zwei Länder voraus) Aber an diesem milden Abend, in dieser klaren Nacht, mit dem besten Schreibtisch, den man sich nur vorstellen kann, will ich das Kapitel Albanien fertig stellen. Bier auf den Tisch, eine volle Kanne mit heißem Tee, Kerzen und Lampen an und ich haue in die Tasten. Gegen Morgen, nach etlichen Bieren und der Kanne Tee bin ich fertig.

Der beste Scheibtisch der Welt!

Jetzt können wir weiterreisen nach Meteora… Nur noch vorher ausnüchtern.

Wieder on the road, wissen wir abermals, wo wir abends stehen wollen. Auf dem Campingplatz Vrachos Kastraki bei den Meteora Klöstern. LEMMY bekommt unterwegs endlich mal eine professionelle Wäsche, die wir in Griechenland echt lange suchen mussten. In Albanien noch an jeder Ecke “ Lavash“, wurde es in Griechenland zu einer echten Aufgabe eine Waschmöglichkeit für größere Fahrzeuge zu finden. Da wir keinen Zeitdruck haben, kaufen wir ausgiebig im Supermarkt ein und lassen das Auto waschen.

Schaumbad für LEMMY

Dann geht es zu den Klöstern. Das was wir hier zu sehen bekommen, wird schwer zu beschreiben sein. Aber erstmal Check In auf Vrachos Kastraki. Der CP ist relativ voll für die Nebensaison. Schnell wissen wir warum, hier ist an diesem Wochenende eine Klettermesse. Überall Stände mit Equipment für Bergsteiger, Freeclimber und eine Bühne für Filmvorführungen und Vorträge. Wir finden trotzdem noch einen guten Platz recht weit vorne in der Nähe des Pools und des Restaurant mit dem netten Biergarten und großem Barbecue Grill. Und mit dieser Aussicht auf die Felsen. Das sind keine Berge, das sind riesige Trolle die auf uns hinab schauen.

Blick vom Campingplatz

Der eine dort, grinst mich böse an. Hier gibt es alles an Campern, was man sich so vorstellen kann. Direkt neben mir ein riesiger LKW, ich schätze der kostet eine halbe Million. Gegenüber zwei VW Busse, ich kenne mich nicht gut aus, vielleicht T3 oder T4? Weiter hinten entdecken wir bei unserem Rundgang ein paar kleine, offene Geländewagen. Die einfachste Art zu reisen. Wenig Gepäck, kleines Zelt.

Wiedermal ein Offroadtreffpunkt!

Schräg vor uns auch, ein Motorradfahrer aus Frankreich, mit kleinem Zelt. Der Rucksack und das Gepäck bleibt draußen stehen. Niemand überschreitet diese imaginäre Linie der Privatsphäre des Anderen. Das fällt mir besonders hier auf bei dem Motorradfahrer, der sein gesamtes Hab und Gut am Platz zurücklässt. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Nachdem wir uns eingerichtet haben und draußen beim Bier das Angekommensein zelebrieren, kommt jemand auf uns zu.

Wir schauen ihn an. Er schaut uns an. Dann: “ I have the Sprinter!“ Ich denke mir: „Das ist ja schön und was soll mir das sagen? Jutta schaltet zum Glück, ich schnalle nicht was los ist. Er spricht auch nicht sehr gut englisch, ähnlich schlecht, wie ich selber. Aber er hat einen spanischen Akzent (einen argentinischen genaugenommen). „Ach!“, sagt Jutta, „Bist du Dandovueltas von der kleinen Schleppfähre in Albanien, wo mama_en_ruta uns zufällig gefilmt hat, als wir auf die Fähre fuhren? „Yes, that’s me.“ Wie klein ist die Welt, denken wir uns und unterhalten uns über die Pläne in die Türkei zu fahren und nach Georgien oder in den Iran und so weiter. Irgendwie sind wir überrumpelt und doch glücklich über diese schöne, erneute Begegnung. Das wir uns in Istanbul und in Kappadokien wieder begegnen sollten, dass ahnten wir noch nicht.

Schattiger Campground in phantastischer Kulisse

Was den Mittagsschlaf angeht, sind wir frei von Uhrzeiten und unabhängig von gängigen Normen. So legen wir uns noch ein Stündchen hin und machen uns „Die drei ???“ an. Dann klopft es an der Tür. Steh du auf. Nee du. Ich stehe auf und zieh mir schnell was über. Dann öffne ich die Tür. Draußen steht Helmut, der fragen will, ob er unseren LEMMY fotografieren darf, weil sein Nachbar sich genau das gleiche Auto wie Unseres bestellt hat. Na klar, kein Problem. Jutta ist mittlerweile auch angezogen und sie liebt es LEMMY zu präsentieren. Hier geschaut, da geschaut. Schnell entwickelt sich ein äußerst angenehmes Gespräch und wir verabreden uns für den Abend bei uns. Helmut ist mit Kathrin unterwegs, seiner Frau. Er fährt einen California VW Bus, auch mit Allrad. Nach dem Essen kommen sie dann zu uns, zwei Biere haben sie nur noch, die bringen sie auch mit. Wir sitzen zusammen bei Kerzenschein und unterhalten uns prächtig. Beide sind uns sofort total sympathisch und so endet der Redefluss nie. Schon am Nachmittag kamen wir auf das zu sprechen, was Jutta und ich schon erlebt hatten und was unsere Pläne sind. Dabei erwähnte ich wohl auch meinen Blog. Als er dann mit Kathrin am Abend zu uns kam, da hatte er schon einen Teil meines Blog gelesen und war begeistert. Das freute mich natürlich riesig, da ich bisher wenig Feedback erhalten habe. Von Jutta ernte ich meistens Kritik, das ich zu viel in den Zeiten hin und herspringe und dies und das ist nicht so gut….aber Helmut hat mich aufgemuntert und gesagt, ich schreibe nah am Menschen, er könne mein Dilemma in der einen oder anderen Situation nachfühlen, miterleben, wie ich mich fühle. Das hat mir gut getan und ich wollte etwas mehr davon. Und für dich Helmut schreibe ich hier, weil du mir das gibst, was mich zum weitermachen motiviert. Ich verstehe jetzt auch die jungen Schauspieler, die ihr ganzes Herzblut geben um auf der Bühne zu stehen. Um für das Publikum zu spielen, nicht für Geld, denn die meisten jungen Theaterschauspieler verdienen sehr wenig. Sie spielen für euch, für die Gäste, für das Publikum, für den Applaus. Aber nicht nur für das Klatschen. Der Applaus muss von Herzen kommen und das spüren sie und das spüre ich, wenn Helmut sagt: „Da hast du mich mitgenommen. „

Ich weiß nicht genau wie, aber irgendwann kamen wir wohl am Nachmittag auf heikle Situationen zu sprechen und ich vertröste Helmut auf den Abend. Jaja, da haben wir schon was erlebt in Albanien. Das berichte ich dir später, versprach ich ihm. Und nun, nachdem die Biere geleert waren, bei Kerzenschein und neuen Bieren, die ich immer in ausreichender Menge an Bord habe, da fragte er nach.

„Was ist denn da passiert in Albanien, vor ein paar Wochen?“ Und da bat ich Jutta um einen großen Gefallen und sie erfüllte ihn mir. „Kannst du bitte die Kukes – Geschichte vorlesen? Ich würden so gerne sehen, wie es auf Andere wirkt. Ich würde es so gerne selber mal vorgelesen bekommen, um zu sehen wie es auf mich wirkt.“ Sie zögerte etwas, sagte dann aber ja. Sie las vor, was wir erlebt haben, was ich aufgeschrieben habe und ich fand toll, es mal aus dieser Sicht des Zuhörers wahrzunehmen. Noch besser fand ich zu sehen, wie Helmut und Kathrin erlebten, was gerade vorgetragen wurde. Das Feedback, das ich in dieser Nacht bekommen habe, das macht es aus, deswegen schreibe ich noch immer und immer wieder. (Notiz am Rande: Es ist 3:20 Uhr in der Nacht in Tiflis und ich bin noch lange nicht fertig!) Für Helmut und alle Helmuts der Welt. Für euch und für mich schreibe ich diesen Blog.

Wie soll man da raufkommen?

Heute ist der Tag der Klöster. Immer schon habe ich mich gefragt, wie kommen die da überhaupt hoch? Ich kannte Bilder von Meteora und dachte, wie geht das? Noch auf Naxos dachte ich, wir werden Treppen steigen müssen bis zur Erschöpfung. Nee, müssen wir gar nicht. Wir können da hochfahren, mit dem Auto. Treppen steigen müssen wir trotzdem, auch bis zur Erschöpfung, aber lange nicht so wie ich erwartete. Es ist tatsächlich wirklich schwer zu beschreiben was wir hier zu sehen bekommen. Es ist einer der beeindruckendsten Orte, die ich je besucht habe. Und das wird nicht das letzte Mal sein auf dieser Reise, dass es mir so ergeht. Rückblickend von hier (aus Tiflis) denke ich mal wieder: Was soll jetzt noch kommen? Was soll das noch überbieten? Und jedes Mal wieder lehrt mich die Erde, der Planet, die Natur, wie klein der Mensch ist.

Wir fahren alle sechs Klöster ab, besuchen drei Klöster von innen und sind am Ende sprachlos und überwältigt von der Schönheit und der Pracht und der Erhabenheit dieses Wunders der Menschen und der Natur.

Am nächsten Tag müssen wir uns von Helmut und Kathrin verabschieden. Ihre Reise nähert sich dem Ende. Sie fahren einen Teil unserer empfohlenen Route durch Albanien zurück nach Hause. Alles können sie nicht fahren, mangels verfügbarerer Reisezeit. Aber eines ist klar, wir werden uns wiedersehen. Ein Platz in seiner Einfahrt ist immer für uns frei. Wir bleiben in Kontakt, immer mal wieder höre ich von Helmut, wo er gerade ist in Albanien oder sonst wo auf der Rückreise. Und auch jetzt noch stehen wir in engem Kontakt und ich bin sehr glücklich über die Begegnung mit diesem Menschen.

Ein Tag am Pool, warum eigentlich nicht? Wir haben doch Zeit. In dieser Kulisse, umgeben von den ganzen Trollbergen. Wir müssen eh langsam mal umschalten, von Urlaub auf traveln. Das ist ein Unterschied, da komme ich später noch drauf zurück. Heute also nix außer Pool, Sudoku, lesen, essen und abhängen.

Doch auch dieser Tag sollte anders verlaufen. Ich bin zuständig dafür, den Pee Tank zu entleeren und da es an der Zeit war, machte ich mich auf den Weg zum Klo. Es ist nur Pee, kein Chemiezeug oder so. Da fuhr ein großer Overlandertruck an mir vorbei und verließ den CP. Ich berichtete Jutta davon, dass benny_goes_overland grade an mir vorbeigefahren ist. „Den kennen wir von den Albanien You tube – Videos“, sagt Jutta, „die haben wir alle gesehen, ist ja witzig. Ich schreib den mal an!“ Er reagiert prompt und steht nachmittags neben uns. Am Abend trinken wir zusammen ein Glas Wein bei uns und wundern uns nicht mehr darüber, das man ja zu nichts kommt beim Reisen, weil immer was dazwischen kommt.

Als wir dann auch hier soweit sind, diesen mystischen Ort zu verlassen, wissen wir noch nicht, wo wir die Nacht verbringen werden. Das Ziel ist Istanbul. Aber wir werden noch eine Nacht in Griechenland verbringen müssen, weil Istanbul einfach noch zu weit weg ist. Die Strecke, die wir wählen geht meistens dicht oder sogar direkt an der Küste entlang. Es geht durch Berge auf und ab, dann wieder ist die Ägäis zu sehen, mal wieder eine tote Tankstelle und ein Stück abgebrochene Straße. Jutta findet den (laut park4night) schönsten Campingplatz in ganz Griechenland. Wow, da fahren wir hin, das klingt gut. Es gibt zwei Campingplätze, die den Namen für sich beanspruchen. Beide sind nebeneinander. OK, wir sehen vor Ort welchen wir nehmen. Als wir ankommen ist es nicht so einfach. Zwei Damen winken uns rein, die Eine links rüber, die Andere rechts rüber. Die Attraktivere wirbt für links, Jutta entscheidet sich für rechts. Ich fahre rechts rein. Der Campingplatz hat Strom und Wasser an jedem Stellplatz, ist überdacht mit schattenspendender Plane und eingezäunt zur Sicherheit. Aber ich fühle mich wie ein Gefangener. Die sanitären Anlagen sind gut und Wifi ist auch da. Der Strand von Nordgriechenland ist vor der Tür. Aber der schönste CP von Griechenland? Ich bin mega enttäuscht und lasse es an Jutta aus, obwohl sie nichts dafür kann. Wir haben uns beide hierfür entschieden. Sie ist nicht schuld, dass die Beschreibung, für meinen Geschmack mal echt für’n Arsch war. Wir lieben es naturnah und einfach. Strom und Wasser am Platz muss nicht sein. Lediglich die Sanitäranlagen sollten möglichst sauber sein. Ich denke mir nur: „Wer macht solche Posts? Der schönste Campingplatz von Griechenland? Dann müsste man aber schon eine ganze Menge Campingplätze gesehen haben.“ Ich nehme mir vor nicht mehr so ohne Weiteres auf die Bewertungen bei park4night zu vertrauen. Am nächsten Tag reisen wir ab, nur Wasser auffüllen, Grauwasser ablassen und nix wie weg….

Jetzt hab ich die Schnauze voll von Campingplätzen und will freistehen. Bis Istanbul kommen wir immer noch nicht in einem Rutsch. Also fahren wir erstmal drauf los und sehen dann, wo wir übernachten werden. Wir kommen der Grenze näher und sind schon ziemlich lange unterwegs. Irgendwann denken wir, dass es ganz gut wäre bald mal einen Platz auszukundschaften. Wir fahren einen Küstenabschnitt auf und ab, gucken hier und da. Nee, hier fühl ich mich nicht wohl. OK fahren wir weiter. Wie ist es hier? Weiß auch nicht, nicht so gerne. Wir fahren weiter und dann finden wir eine einsame Abfahrt und eine schmale Passage direkt ans Meer. Hier ist es perfekt. Hier bleiben wir. Die Sonne geht bereits unter.

„Sieh mal, da hinten. Da stellt sich noch einer hin, ein Van aus Deutschland!“ Nun fühlt sich Jutta noch wohler. „Bevor es dunkel wird gehe ich noch etwas Müll sammeln, wenn du das essen machst!“, sage ich zu Jutta. Mit Greifer und Mülltüte gehe ich los und eine Spaziergängerin spricht mich an. Dies sei ihr Hausstrand und sie mache das auch dauernd mit dem Müll sammeln, weil sie hier immer schwimmen geht, erzählt sie mir. Aber der Müll ist immer da. So verstehe ich es jedenfalls. Aber ich habe auch den Eindruck, dass sie es sehr begrüßt, dass ich als Fremder hier einfach so Müll sammle.

Jetzt denke ich wieder an die kleine Sophie, mit der ich in Albanien Müll sammeln war. Sie fragte mich: „Warum machen die Menschen das?Warum schmeißen sie den Müll einfach so weg?“ Ich konnte ihr keine vernünftige Antwort geben, war überfordert mit dieser Frage. Ich wusste keine Antwort und dachte jetzt erneut darüber nach, während ich Müll vom Strand einsammelte.

Vielleicht liegt es daran, dass es hier keine Infrastruktur gibt, keine Müllabfuhr, die jeden Donnerstag die Mülltonne leert. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen hier nicht von klein auf lernen, dass es falsch ist, den Müll einfach wegzuwerfen. Vielleicht wissen sie auch nicht was Mikroplastik ist, denn auch mir ist es jetzt erst so richtig klar geworden, was das ist. Und ich komme aus Deutschland. Reich und gebildet sind wir, denken wir, denke ich. Na klar war mir Mikroplastik ein Begriff. Ich kannte das aber nur aus dem Fernsehen. Jetzt, wo ich hier am Strand von Griechenland oder Albanien oder sonst wo Müll einsammle und die Plastiktüten, die ich greifen will, sich in Millionen kleiner Stücke auflösen und in alle Winde verteilen, da wird mir erst richtig klar wie ernst und bedrohlich die Lage wirklich ist. Das alles fliegt wieder zurück ins Meer, die Fische fressen es oder es lagert sich ab auf dem Meeresgrund und richtet sonst was an.

Warum die Menschen das tun, das kann ich immer noch nicht mit Gewissheit beantworten, vielleicht aus Unwissenheit, vielleicht auch aus Verzweiflung oder weil sie resigniert haben, weil es für sie keine andere Lösung gibt? Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf und ich bin deprimiert, weil ich der kleinen Sophie von der Defender Family keine angemessene Antwort auf ihre Frage geben konnte. Sind die Menschen nun dumm, oder egoistisch, unwissend, verzweifelt oder ignorant? Ich weiß es noch immer nicht. Ich weiß nur eins, es ist ein globales Problem und kein Land der Welt kann es allein lösen. Wenn Deutschland seinen Müll nach Fernost oder Afrika verschifft ist das keine Lösung. Wenn Müllhalden und Autoreifen einfach abbrennen ist das keine Lösung. Wenn nicht alle Staaten der Erde sich diesem Problem annehmen, dann gibt es keine Lösung. Ich wünschte, ich hätte der kleinen Sophie vor Wochen in Albanien eine klügere Antwort geben können, als ich es damals getan habe.

Dann kommen mir noch andere Gedanken. Erstaunlich, was so in einem passiert, wenn man so ganz bei sich ist. Wenn man einfach nur darauf konzentriert ist Müll zu sammeln. Die Erfahrung habe ich vorher schon gemacht. Man kann einfach nicht mehr aufhören, denn man findet immer noch was und denkt sich so: „Nur das noch, dann ist Schluss!“ Aber dann ist hier noch was und da noch was und so weiter…

Aber was ich eigentlich sagen wollte, ich wundere mich darüber, dass noch niemand gefragt hat: „Warum steht da auf eurem Truck THE WÖRLD IS YOURS?“ Das ist schließlich unser Motto. Das Interesse an unserem Fahrzeug ist groß, immer wieder kommen Leute und wollen LEMMY fotografieren oder mal rein schauen. Das freut mich auch sehr, aber ich denke mir immer wieder, warum will niemand wissen, weshalb wir da THE WÖRLD IS YOURS stehen haben. Wir haben uns was dabei gedacht. Ich hatte mir schon Antworten überlegt, wenn mal jemand fragen sollte.

Die erste Antwort wäre natürlich: Motörhead hat eine LP mit dem Titel THE WÖRLD IS YOURS und wir lieben Motörhead und LEMMY. Nach Mr. Kilmister haben wir ja auch unser Auto getauft. Aber das ist längst nicht alles. Mit THE WÖRLD IS YOURS wollen wir noch mehr sagen, als dass wir Metal – Fans sind. Wir wollen damit auch ausdrücken, dass die Welt uns allen gehört, unabhängig von Religion, von Hautfarbe, von Geschlecht, von sexueller Orientierung, von unseren Ansichten und Meinungen. Wir sollten uns überall auf der Welt als Gast fühlen, uns auch so verhalten und natürlich gilt das für jeden von uns. Wir sollten unseren Planeten als unser aller Zuhause sehen und ihn nicht durch unser Handeln noch mehr verschmutzen und damit langsam aber sicher zerstören. Wir schmeißen doch auch keinen Müll in unseren Garten, nicht vor unsere Haustür. Egal wo du bist, egal wer du bist und egal wann du bist, fühl dich zu Hause und verhalte dich so. Diese Botschaft würde ich so gerne rüberbringen. Natürlich kann man nie alles richtig machen, ich muss mir vorwerfen lassen mit einem dreieinhalb Tonnen schwerem Dieselfahrzeug durch die Welt zu fahren. Trotzdem versuche ich meinen kleinen Teil dazu beizutragen die Welt etwas besser zu machen. Und wenn es nur ist, dass ich gelegentlich Müll sammle und den Platz sauberer hinterlasse, als ich ihn vorgefunden habe.

Jutta benutzt Zahnpasta in Tablettenform, macht unser Deo, unser Waschmittel, Spülmittel und noch manches mehr selber. Wir benutzen feste Seifen zum Duschen und Haare waschen. So können wir auf viel Plastikverpackungen verzichten. Sie kauft Sachen möglichst unverpackt, auch auf Reisen haben wir unsere Beutel dabei und können meist auf Plastiktüten verzichten. Manchmal wundern sich Verkäufer darüber, aber immer mehr Menschen verstehen es auch. Wir machen immer noch sehr viel falsch. Ich bin Motorrad gefahren, nur zum Spaß. Wir sind über eine halbe Million Kilometer geflogen um fremde Länder und Kulturen zu sehen. Und nun fahren wir mit LEMMY um die Welt. Das ist mir alles bewusst und die Kritik muss ich mir gefallen lassen. Ich will ja auch niemanden belehren oder mich als Maßstab aufspielen. Wer bin ich schon? Ich möchte nur das Bewusstsein etwas schärfen, vielleicht etwas zum Nachdenken anregen. Was kann ich selber tun um etwas zu verändern, zu verbessern? Ohne mit dem Finger auf Andere zu zeigen. Nur das und noch ein bisschen mehr will ich ausdrücken mit THE WÖRLD IS YOURS.

Cheers!

…und was als nächstes geschieht…

Türkei Chapter – one

…und wie ich dem Schuhputzer von Istanbul den Stinkefinger zeige…