Chapter 21 – Californication, vom Atlantik zum Pazifik, einmal quer durch die USA, in die Stadt der Engel

und wie wir in LOS ANGELES in Lemmy Kilmisters Stammkneipe den Rock ‚N‘ Roll spüren und in West Hollywood an Johnny Ramones Grab stehen…

Mit einem guten Gefühl, mit reichlich Wasser und mit einem randvollen Long Ranger Dieseltank starten wir von einer Wüste in die nächste Wüste. Es geht in die Hochwüste, in den Joshua Tree National Park. Wie schon davor im Arches N. P. ist dort online bereits alles ausgebucht, denn jetzt ist Spring Break und die Kids haben frei und wollen feiern. Wir wollen trotzdem unser Glück versuchen und hoffen auf „First come, first serve“ Campgrounds.

Joshua Tree N. P. – first come, first serve Campsite

Weit müssen wir nicht fahren und da wir in Desert City sehr früh loskommen, rechnen wir uns gute Chancen aus eine nette Campsite zu ergattern.

Unterwegs erzähle ich Jutta von einer Doku, die ich mal gesehen habe. In der geht es um den letzten freien Ort in Amerika. Leider fällt mir der Titel der Doku nicht mehr ein und auch nicht der Name des Ortes. Ich weiß nur noch, dass es in einer kalifornischen Wüste ist, aber nicht in welcher. Dort leben viele Menschen in ihren Campern und Jeder der will, kann sich einfach dazu stellen, ohne etwas bezahlen zu müssen. Der letzte freie Ort Amerikas. Natürlich zieht so ein Ort auch ne Menge schräger Vögel an, gescheiterte Existenzen, Lebenskünstler, Exoten und Junkies, Alkoholiker und Leute auf der Flucht. Aber auch viele Kreative, viele Künstler, Freidenker, Aussteiger oder solche, die sich dafür halten.

Ich behaupte ja, es gibt keine „Aussteiger“. Es gibt nur „Umsteiger“. Woraus sollte man auch aussteigen? Aus dem Leben? Ok, das ist vielleicht der einzige Ausstieg, den ich gelten lasse. Ansonsten ist es kein Ausstieg, sondern nur ein Umsteigen in ein anderes Leben. Wahrscheinlich ist sogar der Suizid nur ein Umsteigen in eine andere Dimension.

Ich kann aus der Arbeit aussteigen, aus der Zivilisation, ich kann alles hinter mir zurück lassen, doch immer wird danach etwas Anderes kommen.

Irgendwann, kurz nachdem Jutta und ich uns kennengelernt haben, da hat sie mal etwas Interessantes zu mir gesagt: „Ich habe einen Hang zu gescheiterten Existenzen!“

Das waren in der Tat ihre Worte. Sie hat es allerdings auch erklärt. Ich war sehr blass und dünn damals und habe mir die langen Haare schwarz färben lassen, sah irgendwie aus wie ein Junkie. Von der Realschule bin ich geflogen, weil ich kein Interesse am Lernen, sondern mehr am Feiern hatte. Ich war auch fast nie pünktlich im Unterricht, weil ich getrampt bin morgens und es immer ungewiss war, wann jemand hält und oft war ich zur letzten Stunde nicht mehr anwesend. Trotzdem habe ich dann irgendwie die Kurve gekriegt und erkannt, dass ich was tun muss, wenn ich irgendetwas haben will, denn geschenkt bekommt man nichts. Ich habe also sehr schnell begriffen, dass es einzig und allein an mir hängt, wie mein weiteres Leben verlaufen wird. Einen Anteil daran hat vermutlich auch mein alter Deutschlehrer Rolf Bischof. Wir hatten nur sehr wenig Fachunterricht bei ihm, denn mit nur einer guten Frage konnte man Rolf (wir duzten ihn alle) dazu bringen den Unterricht beiseite zu lassen und zu reden. Vielleicht hat er den entscheidendsten Satz zu mir gesagt, ganz beiläufig, ohne zu ahnen, was es bei mir bewirkt: „Es kommt nicht auf den Abschluss an, um etwas zu erreichen, sondern auf die Initiative und Motivation!“

Jutta hat also trotz ihrem Hang zu gescheiterten Existenzen jemanden bekommen, der nicht gänzlich gescheitert ist, sondern nur in Teilbereichen, wie wohlmöglich Jeder von uns.

Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, an diesen Ort in der Wüste möchte ich gerne fahren, dort wo die ganzen durchgeknallten Leute sind, die Freigeister, die Verrückten, die Sonnenanbeter, die Faulenzer und Säufer. Wir beschließen, später nochmal genauer zu recherchieren, wo dieser Ort sein könnte. Zu diesem Zeitpunkt haben wir keine Ahnung wie nah wir sind.

Und endlich sind wir in California angekommen. Damit habe ich erneut einen Traum verwirklicht.

„Den Baumstamm kenne ich doch…“

Mit anfänglichen und vermeidbaren Schwierigkeiten, was auch ziemlich dumm von mir war, wenn ich an das Dieseldebakel denke. Aber trotzdem sind wir jetzt hier, nicht mehr weit von der Westküste, nicht mehr fern von Los Angeles, einem wichtigen Etappenziel. Vom Atlantik zum Pazifik.

Es weht heftig als wir den Joshua Tree N. P. erreichen. Als Erstes steuern wir das Visitorcenter an, um uns zu erkundigen, wie die Buchungs-Lage der Campingplätze dort ist. „Alles ist voll, es ist Spring Break!“, sagt uns eine nette Dame hinter Glas. Sie zeigt uns aber gleichzeitig eine Karte, auf der sie rote Kreise einzeichnet. Dort gibt es zwei kleine Campgrounds, wo das gilt, was wir so mögen: „First come, first serve!“

Wir bedanken uns bei ihr und wollen schnell los, denn jetzt fühlt es sich fast an wie ein Wettrennen. Zwei andere Camper sind schon vor uns mit den selben Informationen hier raus. Und Andere stehen schon hinter uns. Sie sagt noch so etwas wie: „Fahrt vorsichtig, die Winde sind unberechenbar!“ Aber ich bin schon auf dem Weg zur Tür, hebe nur noch dankend die Hand und drücke auf den Autoschlüssel, damit die Tür das Schloss entsperrt. Wir steigen ein, ich starte und los geht’s. Es bleibt keine Zeit für Fotos, obwohl wir an einem traumhaften Feld vorbeikommen, an dem der Sommer gerade richtig durchstartet. Ich will halten und fotografieren, aber Jutta treibt mich zur Eile an. Obwohl sie vor einer Stunde noch bereit war draußen vor dem National Park stehen zu bleiben (dort konnte man wieder frei stehen), will sie nun auch einen tollen Stellplatz ergattern. Ich war dafür sowieso nicht zu haben, denn wenn wir jetzt schon so nah dran sind, dann will ich auch rein.

Ich erkenne alles wieder, die Joshua Trees, die Felsen. Alles sieht aus wie 2011, als wir mit einem Dodge Durango hier durchgefahren sind. Damals hatten wir allerdings nur einen Tag für den Park, diesmal nehmen wir uns drei Tage Zeit, wenn wir einen guten Stellplatz finden.

Joshua Tree National Park

„Wir müssen gleich rechts abbiegen.“, sagt Jutta. „da geht es zu dem ersten „First come, first serve Campground.“

Ich habe seit einer Weile einen Kastenwagen vor mir, den ich ohne Probleme hätte überholen können. Aber ich wollte nicht so unhöflich sein und ihm einen Platz wegschnappen, nur weil er nicht besonders zügig unterwegs ist.

Er biegt vor uns rechts ab zu den begehrten Stellplätzen und ich folge ihm. Dann macht er einen kleinen, aber entscheidenden Fehler. Er biegt ein weiteres Mal rechts ab, in einen Loop, in dem bereits alles besetzt ist. Eventuell hätte ich es genauso gemacht, wäre ich vor ihm gewesen. So fahre ich also weiter gerade aus und sehe kurze Zeit darauf einen tollen freien Platz. Kein Zettel am Pfosten und keine Stühle oder irgendwas weist auf andere Camper hin, die zurückkommen werden. Ich parke rückwärts ein und wir haben einen großartigen Stellplatz, den wir bis zu 14 Tagen nutzen dürfen. Jetzt kommt der Kastenwagen vorbei und der Fahrer wird sich entweder für mich freuen, weil ich einfach Glück hatte oder er wird sich schwarz ärgern, weil er falsch abgebogen ist. Wir werden ihn heute noch mehrmals hier vorbei kommen sehen, auf der Suche nach einer Campsite.

Lemmy Service

Wir nutzen mal wieder die Tage für einen kleinen Check Up und putzen innen und außen. Dann planen wir die drei zur Verfügung stehenden Tage. Relaxen seht auf dem Programm, Offroad fahren und den Park in gewohnter Art und Weise erkunden.

Earl meldet sich, als er auf Facebook sieht, wo wir gerade sind. Er schickt ein Foto, auf dem er seine Frau Pam vor dem Skull Rock fotografiert hat. Sie waren wenige Wochen vor uns, an genau diesem Platz.

Skull Rock

Wir fahren rum und halten an verschiedenen Punkten. Noch ist März, beim letzten Mal war es Juli oder August, als wir 2011 hier waren. Wir wissen, wie wir uns zu verhalten haben. Wenn man aufbricht zu einer Wanderung, dann sollte man unbedingt reichlich Trinkwasser dabei haben. Jetzt im März ist das alles halb so wild, denn es ist High Season. Überall ist viel los und dauernd kommt jemand vorbei. Aber im Sommer, dann ist es hier heiß und die Leute halten sich lieber woanders auf, wo es kühler ist. Dann kann es gefährlich werden. Sobald der Wasservorrat zur Hälfte aufgebraucht ist, MUSS man umkehren, denn sonst könnte es Probleme geben. Einmal falsch abgebogen, die Orientierung verloren und man verdurstet. Wir haben 2011 von einem jungen Pärchen gelesen, das mit ihrem Auto liegengeblieben ist. Sie haben den Wagen verlassen um Hilfe zu suchen. Sie sind verdurstet. Man muss um jeden Preis beim Fahrzeug bleiben, im Schatten und ausreichend Trinkwasser mit sich führen. Wir wissen das. Und dass man auch mit dem Diesel nicht zu knapp sein sollte, das weiß ich auch mittlerweile.

Neben dem Skull Rock sehen wir noch ein steinernes Herz und eine Felsansammlung auf die man klettern kann. Wir spazieren allerdings nur einmal drum herum. Alleine mag ich nicht drauf klettern. Wobei alleine wäre ich gar nicht, eine ganze Menge Leute kraxeln hier rum. Das demotiviert mich in diesem Fall allerdings. Ich hätte gerne einen Kletterpartner dabei, aber Jutta kann das wegen ihren Gleichgewichtsproblemen und der Höhenangst nicht wirklich.

Ein Herz aus Stein

Wir sehen noch von oben auf Palm Springs herunter, wie schon vor 11 Jahren und ich mache das selbe Foto von einem abgestorbenem Baumstamm wie damals. Wir geben acht auf Klapperschlangen und sind sehr vorsichtig in dieser uns fremden Umgebung.

Dann kommt wieder der Tag an dem wir Offroad fahren werden. Und auch hier werde ich aus Gründen der Vernunft abbrechen müssen.

Der Tag beginnt großartig, die Sonne scheint, der Himmel ist blau, Regen ist weder vorhergesagt, noch in Sicht. Doch dann kommt das erste Warnschild.

Mehr braucht man wohl nicht zu sagen

Ich versuche jedoch die Motivation hochzuhalten und genieße die Strecke, die nicht mal besonders schwierig ist. Das versuche ich auch Jutta zu vermitteln, scheitere aber kläglich.

Auf dem Warnschild steht so etwas wie teure Abschleppkosten (über 1000$) und auch dass es zu Todesfällen gekommen ist und so weiter. Aber wir alle wissen, dass man bei solchen Hinweisen mehr als die Hälfte runter reduzieren kann.

Wir biegen ein in die Offroadpassage und der Weg wird zunächst nur sandig, dann wird es immer schmaler und die Piste wird zunehmend tiefer und u-förmiger. Die einzige Schwierigkeit besteht im Grunde darin zu verhindern, dass LEMMY umkippt. Ich muss also nur zusehen, dass ich nicht zu weit rechts oder zu weit links fahre. Mangelnde Bodenfreiheit ist dieses Mal also nicht das Problem. Im Gegenteil, ich könnte fast unter dem Auto stehen, so groß ist die Bodenfreiheit. Manchmal ist nur die rechte und die linke Kante der Reifen in Bodenkontakt, aber es reicht ohne Probleme. Allerdings reicht es nicht für Juttas Wohlbefinden.

Mangelnde Bodenfreiheit ist hier kein Problem

Dann sehen wir eine große Staubwolke und schließen daraus, dass da was auf uns zukommt. Wir warten also eine kurze Weile ab, da der größte Teil der Strecke nur eine Spurbreite ist und an dieser Stelle ist es gerade so breit, dass man Jemanden vorbei lassen könnte.

Es kommen einige Staub aufwirbelnde Offroader auf uns zu. Alles hoch getunte und aufgemotzte Toyotas und Jeeps. Es sind wohl ein Dutzend Fahrzeuge und drei von ihnen passieren uns, die Anderen bleiben dahinter stehen. Sie sind mit Funk untereinander verbunden. Der erste Fahrer, wohl einer der Guides, kommt auf uns zu und schüttelt sofort den Kopf, als er an mein heruntergefahrenes Fenster tritt.

„Ihr dreht besser um, wir konnten die Passage machen, aber nur weil wir nicht so hoch sind wie ihr und da kommen einige Überhänge und bla bla bla….!“

Schräglage mal mehr, mal weniger

Auf meiner Schulter sitzen wieder Engelchen und Teufelchen und flüstern in mein Ohr. Das Engelchen sagt: „Dreh lieber um, dass ist viel sicherer!“ Aber das Teufelchen spricht: „Das sind doch bloß Schnacker und Klugscheißer, du kannst das genauso gut fahren. Aber auf meiner Schulter sitzen nicht nur das Engelchen und das Teufelchen, auf der Engelchenschulter hat Jutta sich dazu gesetzt und ist der selben Meinung.

Das auf meiner Schulter geschieht natürlich nur in meiner Phantasie und auch Jutta sagt nicht ein Wort. Aber ich weiß genau, was sie von mir erwartet. Ich gebe klein bei und drehe um.

Ich muss wieder an etwas denken, was ich mal in einer Reportage gesehen habe.

Da hat jemand etwas gesagt, was mich sehr beeindruckt hat. Es war wohl ein gut bezahlter Manager einer großen Firma der vor der Belegschaft gesprochen hat.

Kurze Kaffeepause in der Wüste

„Das größte Risiko ist es, kein Risiko einzugehen!“ Er hat das ganze sehr ausführlich beschrieben, ich kann das alles nicht so im Detail wiedergeben. Aber die Kernaussage die ist bei mir hängen geblieben.

Was wollte er damit sagen?

Oft ist der Weg beschwerlich, um die reifen Früchte zu ernten.

Manchmal führt der anstrengendste Weg zur größtmöglichen Belohnung.

Man darf auch Scheitern auf seinem Weg, wenn man danach wieder aufsteht und aus den gemachten Fehlern gelernt hat.

Kein Risiko einzugehen ist gleichbedeutend mit Stillstand.

Ich stelle mir selber die Frage, wie weit ich gehen würde.

A: Ich bleibe wo ich bin. Da ist es doch schon schön, in meinem eigenen Garten.

B: Ich steige einen steilen Hang hinauf, da muss die Aussicht toll sein

C: Ich wage mich auf einen Klettersteig, doppelt gesichert, immer steil am Abhang entlang, aber am Ende erwartet mich ein 360° Rundumblick und ein Freigetränk

D: Ich steige einen steilen Klettersteig hinauf, ohne Sicherung. Ich verlasse mich auf meine eigenen Fähigkeiten und bin konzentriert bei der Sache. Aber am Ende erwartet mich ein Irish Pub mit Freibier und einem „All You Can Eat Buffet“, dazu gibt es den 360° Rundumblick.

Ich bin definitiv der D-Typ.

Welcher Typ bist du?

Wir plaudern noch etwas mit dem Guide von der Offroad Truppe über unsere Reise und er erzählt von technischen Problemen eines Teilnehmers seiner Gruppe. Sie werden also noch eine Weile hier stehen bleiben, aber ich kann umdrehen und komme knapp an ihnen vorbei. Dann geht es den selben Weg zurück. Unterwegs machen wir noch eine kurze Kaffeepause in der Wüste. Weit abseits der Touristenpfade. Ich parke LEMMY rückwärts an einer geeigneten Stelle und hole unsere kleinen Klappstühle raus. So können wir uns vor das Auto setzen und den Kaffee genießen, bei knapp 30 Grad.

High Desert Coffee Break

Die drei Tage vergehen wie im Flug. Abends sitzen wir am Lagerfeuer, tagsüber machen wir kleine Wanderungen oder ausgedehnte Spaziergänge und auch das Relaxen mit Sudoku und Lesen kommt nicht zu kurz. Spannend ist es auch immer, zu beobachten wer alles so vorbei kommt. Manche Fahrzeuge sehen wir hier regelrecht kreisen und sie kommen mehrmals vorbei auf der Suche nach einer Campsite. Es ist schön wieder hier zu sein, aber wir wollen auch langsam weiter. Es zieht mich nach Los Angeles. Es zieht mich an den Pazifik. Jutta weiß längst wo wir dort stehen können. In Santa Monica, direkt an der Beach Road. Aber vorher fahren wir nach Palm Spings um Wäsche zu machen. Dort gibt es einen Waschsalon und es liegt auf unserem Weg.

Campfire

In diesem mondänen Wüstenstädtchen waren wir auch schon 2011 für einige Tage. Wir wohnten in einem exklusiven Hotel im 30iger Jahre Stil. Alle Zimmer hatten ein bestimmtes Motto. Und es lief rund um die Uhr Musik von Frank Sinatra, Cole Porter usw. Im Innenhof war ein wunderschöner Pool und drumherum konnten wir die umliegenden Berge sehen. Irgendwie hätte ich Lust wieder dort abzusteigen für einige Tage. Doch wir entscheiden uns dagegen, zu groß ist die Anziehungskraft der Stadt der Engel.

Während Jutta sich um die erste Wäscheladung kümmert, ziehe ich die Betten ab. Es ist Sonntag und es scheint ein beliebter Waschtag zu sein, so voll ist es hier. Vor dem Waschsalon hat es sich jemand auf einem mitgebrachten Liegestuhl bequem gemacht. Er hat eine Boombox auf seinem Bauch liegen und spielt super Musik ab. Nachdem alles fertig aus dem Trockner kommt, beziehe ich die Betten neu und Jutta verstaut den Rest. Ich bedanke mich für die tolle musikalische Unterhaltung während der Wartezeit und der Typ auf dem Liegestuhl freut sich über dieses Kompliment. In bester Stimmung und voller Vorfreude setzen wir unsere Fahrt fort.

Nicht weit von hier liegt auch der Salton Sea, aber dort waren wir ebenfalls schon, drum lassen wir es diesmal aus. Kurz überlegen wir, ob wir noch mal mit der Seilbahn auf den Berg rauf fahren. Wir sehen aber, dass die Seilbahn heute nicht fährt. Das wird sicher an dem heftigen Wind liegen, der mir vorhin fast das Lenkrad aus den Händen gerissen hätte. Zum Glück hatte ich beide Hände am Steuer, sonst hätte es schlimm ausgehen können. Eine unerwartet heftige Windböe kam fast aus dem Nichts und drückte mich zur Hälfte über die Mittellinie. Gut das heute Sonntag und wenig Verkehr ist. Und die Aussicht vom Berg hatten wir 2011 auch bereits genossen. Als wir damals dort hoch gefahren sind, habe ich eine Filmszene aus einem Columbo Film wieder erkannt. Ich muss gestehen, dass ich ein großer Columbo Fan bin und alle seine Fälle mehrmals gesehen habe. In „Zigarren für den Chef“ fährt Columbo mit genau dieser Seilbahn auf den Hausberg von Palm Springs und überführt in der Gondel den Mörder mithilfe einer Zigarrenkiste.

Wir kommen LA immer näher, die Straße wird stetig breiter und der Verkehr nimmt zu. Meine Aufregung wird langsam größer, aber es ist ein angenehmes, kribbelndes Gefühl. Jutta schaltet (wie in solchen Fällen üblich) die Navigation vom Tom Tom aus, so dass nur noch die Karte mitläuft und sagt: „Jetzt musst du auf mich hören!“ Sie navigiert ab jetzt mit ihrem Handy und mit Google Maps.

Der Highway hat mittlerweile 16 Spuren, so breit war es zuletzt in Miami. Dann kommen die wenigen Wolkenkratzer von LA Downtown ins Sichtfeld und wir fahren dicht daran vorbei. Ich drücke kurz auf den Auslöser der DJI Bordkamera und zeichne ein kleines Stück der Strecke auf.

Hin und wieder kommt es zum „Stop and Go“, besonders an den Aus- und Zufahrten. In LA ist immer viel Verkehr, auch an Sonntagen.

„Die nächste Ausfahrt musst du raus fahren!“, sagt Jutta.

„Alles klar.“, erwidere ich.

Santa Monica, „Cheers!“

Jutta leitet mich fehlerfrei bis ans Ziel, in die Ocean Avenue. Und dann ist er da. Der Pazifik liegt vor uns. Und nicht nur das, auch der Santa Monica Pier mit dem Riesenrad. Ich erkenne alles wieder. Jetzt gibt es nur eins noch zu tun. LEMMY wird geparkt und wir schnappen uns vier Dosen Bier aus dem Kühlschrank, unsere beiden kleinen Klappstühle und nichts wie hin zum Strand. Die Biere sind in meinem kleinen Rucksack in Beercoolern verpackt, damit man nicht sofort sehen kann, was wir trinken. Ich klappe die Stühle auf und wir sitzen mit einem eiskalten Bier in der Hand am Pazifik.

Los Angeles, vom Atlantik zum Pazifik. Check!

Jetzt genießen wir nur noch den Augenblick. Alles andere zählt nichts mehr. Das Hier und Jetzt ist wichtig. Was zurück liegt und was noch kommen mag wird zur Nebensache. Es ist der 13. März und die Sonne scheint. Der kalifornische Sommer steht vor der Tür und einige Kinder toben schon im Meer. Den Kids ist es egal, dass das Wasser noch ganz schön kalt ist. Mir ist wichtig, dass mein Bier kalt ist und schnell ist die erste Dose geleert. Kurzer Griff in den Beutel und schon haben wir zwei frische Biere am Start. Die Sonne geht langsam unter und wir sind gerade einfach nur glücklich in diesem Moment an genau diesem Ort zu sein. Wir saugen alles in uns auf, wie ein trockener Schwamm. Beobachten die Spaziergänger, die tobenden Kinder und die unermüdlichen Jogger. LA ist eine Stadt in der man fit sein muss, durchtrainiert und in Topform. Leute, die nach LA kommen haben in der Regel große Ziele. Einige schaffen es, andere scheitern. Das ist der bittere Beigeschmack dieser aufregenden Metropole. Ich wusste, dass genau das auf uns zukommen wird. Und zwar hier in besonderem Maße. Wie nirgendwo sonst zuvor, sehen wir Menschen, die in ihren Autos wohnen. Die ihre Zelte auf den Bürgersteigen aufschlagen und von der Hand in den Mund leben. Da wird man wieder ganz nachdenklich. Nachdenklich, demütig und dankbar.

Bevor die Sonne ganz im Meer versinkt machen wir uns auf den Weg zurück zum Auto. Es gibt mehr als genug Eindrücke, die es erstmal zu verarbeiten gilt. Alles Weitere kann warten bis morgen.

Blick aus dem Auto an der Ocean Avenue

Wir schlafen perfekt. Bis auf die Autos, die vorbei fahren ist es eine ruhige Nacht. Den morgendlichen Kaffee genieße ich mit Blick auf den Strand durch das geöffnete Fenster. Die ersten Jogger laufen schon an uns vorbei.

Ich will mal kurz erklären, wie das hier mit dem Parken geht. An der Ocean Avenue in Santa Monica gibt es überall Parkuhren, die man entweder mit Coins füttern kann oder auch mit der Kreditkarte. Das wird teuer, je länger man stehen bleiben möchte. Allerdings ist es von 18:00 Uhr bis morgens um 9:00 Uhr kostenfrei. Man muss nur darauf achten, auf welcher Seite man steht. Denn jeden Morgen kommt die Straßenreinigung mit einem großen Reinigungsfahrzeug vorbei. An bestimmten Wochentagen ist die eine Seite dran und an den anderen Tagen dann die andere Seite. Das steht auch ganz genau auf den Schildern und heißt für uns und die Anderen, die dieses Prinzip verstanden haben, dass wir hier perfekt und fast umsonst parken können.

Ocean Av. Santa Monica

Obwohl es natürlich offiziell auch hier verboten ist in seinem Auto zu übernachten, wird es geduldet. Wir müssen nur jeden Abend die Straßenseite wechseln, um der Straßenreinigung nicht in die Quere zu kommen.

Heute hier, morgen da

Aber was ist am Tag zu tun, um die Kosten niedrig zu halten. Ganz einfach: Am Tag fahren wir auf einen der großen Parkplätze am Strand. Dort stehen die Tagesbesucher und auch die Leute, die hier in ihren Fahrzeugen leben. Einen Parkschein für den ganzen Tag bekommen wir am Kassenhäuschen für 7 Dollar. Uns berechnet die nette Dame den Preis für einen Pickup, nicht den Teureren für ein Wohnmobil. Allerdings darf man hier eben nicht über Nacht stehen, so dass wir morgens und abends das sich wiederholende Schauspiel beobachten können, den Stellplatzwechsel.

Nach dem Kaffee fahren wir runter auf den Parkplatz zwischen Ocean Av. und dem Strand. Ich parke in der ersten Reihe, denn es ist reichlich Platz hier. Neben uns steht ein alter weißer PKW mit einigen selbstgemalten Bildern davor. Die Fenster sind zugehängt. Ein alter Herr steigt aus und macht sich hinter dem Auto etwas frisch. Am Strand gibt es ausreichend öffentliche Toiletten und auch Duschen, so dass für das Nötigste gesorgt ist. Leider sehen wir nie, dass der Maler aus dem Auto ein Bild verkaufen kann. Es wäre ihm zu wünschen.

Schräg hinter uns steht ein weiß-gelber VW Bus. Mit diesem Oldtimer ist ein junges Paar aus Costa Rica unterwegs nach Alaska. so steht es jedenfalls hinten auf der Fensterscheibe zwischen diversen Aufklebern.

Von Costa Rica nach Alaska

Wir wollen uns heute Santa Monica anschauen und als Erstes spazieren wir rüber zum Pier mit dem Riesenrad. Wir gehen am Boardwalk lang und teilen ihn mit anderen Fußgängern, Joggern, Skatern und Radfahrern. Viele schrille Leute präsentieren sich hier. Manche wollen vermutlich Schauspieler werden, andere versuchen sich womöglich als Drehbuchautor. Vielleicht sollte ich das auch mal probieren, kommt mir der Gedanke. Ein Typ auf einem E-Bike kommt immer wieder an uns vorbei. Er hört laut Musik aus einer Boombox, die vorne am Lenker in einem kleinen Korb liegt. AC/DC tönt aus der Box. Er trägt ein grelles Hawaii Hemd und hat einen merkwürdigen Hut auf. Bis wir das Pier erreichen ist er drei oder viermal an uns vorbei gezischt. Er scheint nicht besonders weit zu fahren, bis er dann wieder umdreht und zurück fährt.

Santa Monica Pier

Am Pier ist ein kleiner Rummelplatz aufgebaut. Achterbahn und Riesenrad sind schon von weitem zu sehen. Ich will allerdings zur Endstation von Amerikas Main Street, von der Mother Road. Und da ist er auch schon, der kleine Kiosk, der den Endpunkt markiert von der alten Route 66 von Chicago bis nach LA. 2448 Meilen sind es, wenn man die komplette Strecke fährt. Wir sind weit mehr gefahren als die Strecke von Chicago bis nach Los Angeles, aber nur einen winzigen Teil auf der Mother Road. Trotzdem hat dieses kleine Stück historischen Asphalts einen bleibenden Eindruck hinterlassen und ich werde immer sehr gerne daran zurück denken, als wir mit LEMMY über diese legendäre Straße gefahren sind. Auch wenn es nur einige hundert Meilen waren.

End of Route 66

Wir holen uns ein Eis und gehen weiter nach vorne zum Pier. Neben uns dröhnt lautes Geschrei aus der Achterbahn, wenn es abwärts geht und der typische Rummel Geräuschpegel ertönt um uns herum. Beim Riesenrad wird es etwas leiser und wieder erkenne ich eine Filmsequenz aus einem tollen Film mit Michael Douglas. Die Schlussszene aus „Falling Down“ wurde hier am Pier gedreht. Der Film handelt von einem paranoiden Familienvater, der zum Geburtstag seiner Tochter zu seiner geschiedenen Frau nach Hause kommen möchte, aber eine Odyssee durch ein abgründiges Los Angeles erlebt.

Wir gönnen uns auf einer Bank eine Pause und schauen über den endlosen Pazifik. Neben uns spielt jemand mit seiner Gitarre den Blues und singt dazu. Jutta wirft ein paar Dollar in seinen Gitarrenkoffer und wir lauschen ihm eine Weile.

Zurück geht es wieder über den geteilten Boardwalk. Die eine Hälfte gehört den Fußgängern, die andere den schnelleren Bikern und Skatern. An der Ocean Av. sehen wir einige luxuriöse Hotels und schicke Appartements. Außer Abhängen und kleineren Spaziergängen machen wir heute gar nichts. Wir leben in den Tag hinein und zum Abend machen wir noch mal einen kleinen Gang zum Pier. Das wars für heute, nur noch umparken in die Ocean Avenue.

Santa Monica Pier by night

Der nächste Tag wird aktiver gestaltet. Heute parke ich bereits vor dem Frühstück um. Dann können wir unseren Kaffee und das Müsli direkt am Strand einnehmen. Kurz die 7 $ Tagespauschale bei der selben netten Dame im Kassenhäuschen entrichten, Schranke öffnet sich und ich stelle LEMMY genau da ab, wo ich gestern schon stand. Der gelbe VW Bus ist auch wieder da und unser Nachbar der Maler. Ich hoffe er hat an diesem Tag mehr Glück und kann eines seiner Bilder verkaufen.

Nach unserem Strandfrühstück hole ich die Bikes vom Gepäckträger und muss mal wieder Reifen flicken. Juttas Hinterrad hat zwei Löcher, mein Hinterrad hat ein Loch. Ich finde an meinem Reifen so einen kleinen Dorn der im Schlauch steckt. Als ich das Mistding raus ziehe, fängt es sofort zu zischen an. Ich zeige Jutta den Übeltäter und sie vermutet, dass es von einer Pinie stammen könnte. Ausgerechnet von meinem Lieblingsbaum. Na egal, ich habe noch genug Flicken, obwohl mir die kleinen Runden langsam ausgehen. Aber notfalls gehen die größeren, länglichen Flicken auch.

Mal wieder Reifen flicken

Ich habe noch an keinem schöneren Ort Reifen geflickt. Ich blicke über einen endlos weiten Sandstrand auf den Pazifik. Die Märzsonne scheint schon kräftig am frühen Morgen vom blauen Himmel und wärmt mich. Allerhand Leute kommen vorbei und ich habe viel zu gucken, so dass die Reparaturarbeiten etwas länger dauern. Die Leute, die alleine an mir vorbei kommen sind entweder am Telefonieren oder nippen am Coffee to go Becher, manchmal auch beides. Andere unterhalten sich angeregt und wieder andere betätigen sich sportlich. Irgendwann habe ich dann alle Löcher gefunden, markiert und geschliffen. Etwas Kleber aufgetragen, trocknen lassen und Flicken drauf. Jetzt noch einmal zur Kontrolle aufpumpen und checken, dann ziehe ich die Reifen wieder drauf. Es ist schon ein wenig zur Routine geworden, so dass es mir überhaupt nichts mehr ausmacht, wenn es einen Reifen zu reparieren gibt. Es macht sogar Spaß und ich freue mich, wenn alles wieder rund läuft.

Venice Beach

„Ich bin fertig, wie sieht’s bei dir aus?“, rufe ich in die Kabine und Jutta muss nur noch in ihre Schuhe schlüpfen und dann kann es los gehen. Wir wollen rüber nach Venice Beach fahren. Dort waren wir 2011 nämlich noch nicht. Ich habe mich nach der Reise zuhause schwarz geärgert, als ich erfahren habe, dass die Red Hot Chili Peppers in Venice auf einem Hausdach ein Musikvideo gedreht haben, genau zu der Zeit als wir in Los Angeles waren. „The Adventures Of Rain Dance Maggie“ Jetzt will ich wenigstens sehen wo das Video entstanden ist. By the way, ich liebe die RHCP und auch den Song und das Video finde ich total klasse.

Ist da oben das RHCP Video entstanden?

Also rein in den Sattel und los geht’s. Lange dauert es nicht und schon wird alles kunterbunt. Die Hausfassaden werden greller und bekommen Bonbonfarben. Von türkis bis pink ist die ganze Farbpalette vertreten. Es gibt nette Kneipen, Fressbuden, Klamottenläden und schrille Wohnhäuser. Vor einem halte ich an um es zu fotografieren und ich höre einen vorbeifahrenden Biker rufen: „Frank Gehry!“

Frank Gehry Architektur

Ich rufe ihm hinterher: „Thank you!“ und halte meinen Daumen hoch. Er blickt kurz zurück und schenkt mir ein Lächeln. Ich erwidere es und freue mich über diesen aufmerksamen Biker.

Was so eine Gehry-Immobilie hier am Venice Beach wohl kostet? Und wer mag wohl hier wohnen? Ich werde beides nie erfahren. Das Haus daneben ist nicht ganz so schrill, aber vermutlich auch ein Vermögen wert. Dort kommt gerade jemand heraus mit seinem Mobilphone am Ohr. Bist du der Eigentümer, der Makler oder ein Freund der Besitzer? Auch das werde ich niemals erfahren.

Junkfood

An einer knatschbunten Junkfood Bude machen wir Lunchpause. Falafel für Jutta, Fish & Chips für mich. In eines dieser überteuerten Restaurants will ich lieber nicht gehen. Draußen ist es außerdem viel schöner. Wir gehen auch hier raus auf den Pier, aber ohne Rummelplatz wie in Santa Monica. Dann halte ich weiter Ausschau nach dem Haus von dem Videodreh der Red Hot Chili Peppers. Dieses Dach könnte es sein. Heute Abend will ich mal das Video auf You Tube ansehen und checken, ob ich richtig liege mit meiner Vermutung. Wir stöbern noch in einigen der Shops, schieben die Räder durch die vielen Fußgänger und bewundern diverse Graffiti. Dann erkenne ich Johnny Depp an einer Hauswand. Er wurde an die Wand gesprüht und das Motiv ist aus dem wunderbaren Film „Fear and Loathing in Las Vegas“, nach einem Hunter S. Thompson Roman.

Danach wagen wir es weiter zu fahren, sehr langsam, über diese bunte Promenade voller unterschiedlicher Menschen. Irgendwann können wir einen Gang hochschalten, die Leute werden weniger und wir wechseln wieder auf die Bikerspur am Boardwalk.

Biken at Venice Beach

Zurück auf unserem Parkplatz in Santa Monica verstaue ich die Räder und wir gönnen uns einen ausgedehnten Mittagsschlaf, denn wir haben heute noch einiges vor. Ich will unbedingt ein weiteres Mal den „Mullholland Drive“ fahren. Das ist auch gleichzeitig ein Filmtitel eines meiner Lieblingsfilme, von einem meiner Lieblingsregisseure, von David Lynch. Dann wollen wir uns einen Friedhof in West Hollywood ansehen, auf dem unter anderem Chris Cornell begraben liegt und Johnny Ramone. Zu guter Letzt soll es dann in die Rainbow Bar gehen, ebenfalls in West Hollywood. Das Rainbow war die Stammkneipe von Mr. Lemmy Kilmister höchstpersönlich und ich habe vor dort einige kalte Getränke zu konsumieren.

Aber jetzt erstmal ein kleiner Mittagsschlaf mit den drei Fragezeichen. Nur noch ein letzter kurzer Blick aus dem Fenster raus auf den Pazifik. Ich fühle mich schon ganz wie in Rocky Beach, mit Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews.

Nach dem Schläfchen gibt es noch einen Kaffee und dann lotst Jutta mich über die Highways von LA zum Mullholland Drive. Wir lassen Rocky Beach hinter uns und fahren eine traumhafte Straße, die einem verwirrenden Film den Namen gab und an der es prächtige Häuser zu bestaunen gibt, eine ganze Menge Kurven und hin und wieder einen coolen Ausblick auf Downtown. Ich suche eine ganz bestimmte Stelle, an der ich mit einem brandneuen schwarzen Dodge schon vor elf Jahren geparkt hatte. Dann erkenne ich die Kurve und den hellen Sand wieder und parke LEMMY an der selben Stelle wie damals den Dodge.

Mullholland Drive

Leider ist Downtown relativ weit weg und mit der Handycam bekomme ich keine guten Fotos zustande. Beim letzten Mal hatte ich eine Canon 450 D Spiegelreflexkamera dabei mit einem ganz vernünftigen Sigma Teleobjektiv. Ich denk mir; „Scheiß drauf. Du hast dich in Albanien dafür entschieden die große Kamera dem Polarvux Team mit zurück nach Deutschland zu geben, weil es nur Ballast ist. Und aus genau diesem Grund hast du sie jetzt auch nicht dabei!“ Ich gebe mich zufrieden mit den unscharfen Fotos und wir fahren weiter.

Downtown LA

Es kommt wieder eine Stelle, die einen guten Blick auf die Hochhäuser der Innenstadt verspricht, aber es stehen überall einschüchternde und Strafe androhende Halteverbotsschilder. Also fahre ich etwas weiter und halte sofort dort, wo die Warnhinweise enden. Hier ist das Halten allenfalls geduldet und Jutta will sowieso im Auto warten, während ich ein paar hundert Meter den Berg hinauf marschiere. Ein hoher Gitterzaun versperrt mir den Weg auf den Hügel. Dort wo der Zaun endet geht es steil nach oben. Ich erkenne einige Spuren im Sand von Leuten, die vor mir versucht haben hier hinauf zu klettern. Es gibt ein paar Wurzeln an denen man sich festhalten kann und womöglich auch hochziehen über die Kante, doch bin ich leider keine 20 mehr. Es wäre mir schon unangenehm, sollte ich den Hügel runter stürzen und vor einem vorbeifahrenden Auto landen. Also breche ich diese waghalsige „Expedition Downtown“ ab und kehre um zu Jutta.

Eins von vielen Verkehrsopfern

Auf dem Weg zurück sehe ich noch eine überfahrene Schlange auf der Straße liegen, mit gebrochenem Rückgrat. Lag die eben auch schon da? Oder wurde sie erst überfahren als ich oben am Hang war? Ich erzähle Jutta von meiner gescheiterten Expedition und der toten Schlange und dann geht es weiter zum Friedhof. Wir entdecken noch die Universal Filmstudios und schauen von oben darauf herunter, aber besuchen wollen wir sie nicht noch einmal. Dort waren wir auch bereits 2011. Nachdem wir den ganzen Mullholland Drive gefahren sind kommen wir in eine etwas runtergekommene Gegend und wir sehen viele Zelte und alte Camper an der Straße stehen. Diese Eindrücke erleben wir ja nicht zum ersten Mal, aber hier in LA sind sie besonders häufig und intensiv und auch besonders deprimierend. Kurz darauf sind wir dann auch schon in West Hollywood und ich parke LEMMY direkt gegenüber vom „Hollywood Forever Cemetery“ an einer Parkuhr. Am Straßenrand vor meiner Motorhaube steht ein kleines blaues Zelt auf dem Bürgersteig. Ich sehe Bewegung im Inneren und einen kleinen Teddy, der scheinbar an einem Stock über dem Zelt tanzt. Der Zelteingang ist der Straße abgewandt und mehr kann ich nicht erkennen. Ich weiß nur eins, hinter dieser dünnen Zeltplane verbirgt sich ein trauriges Schicksal.

Gegenüber vom Hollywood Forever Cemetery

Jutta klärt das mit der Parkuhr und dann machen wir uns auf den Weg über die Straße auf den Friedhof. Am Eingang kaufen wir für 5 $ eine Karte, auf der alle Grabstätten in einem Lageplan verzeichnet sind. Wir wollen das Grab von Johnny Ramone besuchen und auch das von seinem Bruder Dee Dee. Chris Cornell liegt hier leider seit 2017 auch begraben und selbstverständlich werden wir ihm ebenfalls einen Besuch abstatten.

Der Friedhof ist wirklich schön und es gibt ganz schlichte und einfache Gräber, aber auch reichlich pompöse und aufwendige Grabstätten. Die meisten Namen auf dem Lageplan kenne ich nicht, obwohl es viele Berühmtheiten sind, die hier ihre letzte Ruhe finden. So gibt es z. B. eine Pyramide, die als Grab dient oder einen griechischen Tempel.

Hollywood Forever Cemetery

Nach kurzer Suche finden wir uns einigermaßen zurecht mit dem etwas unübersichtlichen Lageplan und entdecken Johnny Ramone. Das Grab ist auch kaum zu übersehen, denn er selbst steht in Lebensgröße, als Statue mit der Gitarre in der Hand auf seinem eigenen Grab. Es ist ein ergreifender Augenblick für mich hier zu stehen. Denn erstens sind wir auf einem Friedhof und das hat immer mit Tod, Trauer und Verlust zu tun und zweitens habe ich die Ramones noch live gesehen, als sie in Deutschland auf Tour waren. Und dann sind da noch die Inschriften auf dem Grab. Johnny selber sagt darauf sinngemäß: „Wenn ein Mann von sich sagen kann, dass er erfolgreich ist, wenn er großartige Freunde hat, dann bin ich sehr erfolgreich gewesen.“

Johnny Ramone

Dann gibt es noch persönliche Widmungen von Eddie Vedder, Rob Zombie, Lisa Marie Presley, Vincent Gallo, John Frusciante und natürlich von seiner Frau Linda Ramone. Was mich besonders glücklich machen wird, Linda Ramone wird meinen Instagram Beitrag wenig später liken.

Ganz in der Nähe von Johnny Ramone finden wir das schlichte Grab von Chris Cornell. Auch ihn durfte ich Anfang der 90er live erleben. Damals noch mit seiner Band Soundgarden auf dem Roskilde Festival, als noch kein Mensch ahnte, wie groß diese Band werden wird. Besonders traurig macht es mich, dass er freiwillig aus dem Leben schied. Wie so viele andere erfolgreiche Künstler es auch schon getan haben. Mir sagt das, dass Geld und Erfolg nicht reichen zum Glücklichsein.

Chris Cornell

Aber was braucht es eigentlich zum Glück? Gesundheit? Definitiv ja! Gute Freunde? Johnny Ramone würde das bestätigen und ich sehe das genau so. Freiheit? Ich bin davon überzeugt, dass Freiheit enorm wichtig ist. Aber wenn ich jetzt versuche meinen Begriff von Freiheit zu definieren, dann geht es ins Philosophische und ich merke, wie ich schon wieder abschweife.

Wir verweilen etwas an Chris Cornells Grabstätte.

Danach kommen wir noch bei Burt Reynolds vorbei und an einer irgendwie glücklich aussehenden Statue einer Lady mit herzförmiger Sonnenbrille, die die Arme mit offenen Händen nach oben in den Himmel hält, als will sie sagen: „Hey du da oben, ich bin bereit zu dir zu kommen, ich hatte ein tolles Leben und bereue nichts davon!“

„Here I am“

Dee Dees Grab müssen wir etwas suchen, finden es aber dann doch noch. Er muss Baked Beans geliebt haben, denn seine Fans versorgen ihn auch im Jenseits noch mit „Bush’s Original Baked Beans“ – Dosen. Ich habe noch einen weiteren Namen auf der Liste, aber Jutta muss einem dringendem Bedürfnis folgen. „Such du ruhig noch weiter, ich gehe schon zurück zum Auto und warte dort auf dich.“, sagt Jutta und ich begebe mich auf die Suche nach dem Grab von Vito Scotti, auf der anderen Seite des Friedhofs.

Hollywood Forever Cemetery

Vito Scotti ist ein Schauspieler, der eher für Nebenrollen bekannt sein dürfte. Ich kenne und schätze seine Auftritte aus sehr vielen Columbo-Folgen. Er war ein begnadeter und wandlungsfähiger Schauspieler, aber leider finde ich sein Grab nicht. Ich frage einen der mexikanischen Gärtner, ob er weiß wo Vito Scotti liegt, aber er kennt ihn nicht. „Is he famous?“, fragt er mich und ich antworte: „Yes he is an famous actor!“

Er deutet in eine Richtung und meint die „Famous People“ liegen dort drüben bei Winnie the Puuh. Ich suche noch eine Weile, dann gebe ich irgendwann auf und kehre erfolglos zum Auto zurück. Ich klopfe an die Kabine und sage: „Ich habe Vitos Grab nicht gefunden, wir können weiter fahren!“, dann setzte ich mich hinters Steuer und warte auf Jutta.

Im rechten Rückspiegel sehe ich eine blutjunge, farbige sexy Lady den Bürgersteig von hinten entlang kommen. „Wow, ist die hot!“, denke ich bei mir. Sie hat eine sehr knappe Hot Pants an. Noch ist meine Stimmung gut, doch in wenigen Sekunden wird sich das gute Gefühl in Luft auflösen und in Traurigkeit wandeln. Sie kommt am Auto vorbei und verschwindet in dem kleinen blauen Zelt vor meiner Motorhaube. Von hinten war die Hot Pants im Grunde nicht mehr vorhanden und sie hatte nichts drunter. Mir wird klar wie sie ihr Geld verdienen muss und deprimiert verlasse ich den Hollywood Forever Cemetery, nachdem Jutta zugestiegen ist.

Jetzt steht der letzte Programmpunkt an für heute, das Rainbow. Wir müssen nur noch rausfinden, wo wir die Nacht über stehen können, denn eins ist sicher: Fahren kann ich nach dem Besuch dieses Establishments mit Sicherheit nicht mehr. Ich schlage vor direkt vor Ort zu schauen, ob es da eine Möglichkeit gibt, ohne lange Recherche im Internet. So einfach wie in Santa Monica wird es dort nicht werden, das ist uns klar. Aber wir werden sehen.

Stellplatz für die Nacht, hinter dem Rainbow Bar & Grill

Jutta leitet mich wie üblich ohne Probleme zum Ziel. Ich entdecke eine Parkplatzzufahrt zwischen dem Roxy und der Rainbow Bar. Dann kommt ein schwarz gekleideter Security Man auf mich zu. Ich fahre das Fenster runter und frage, ob wir hier über Nacht parken dürfen. Wir wollen im Rainbow was Trinken gehen. Er sagt, er müsse seinen Boss fragen und will ihn eben anrufen, wir sollen solange warten. Ich weiß noch von früher, dass der Parkraum in West Hollywood knapp ist und das es locker 20 $ pro Stunde kosten kann an Hotspots. Und hier parken nicht nur die Gäste vom Rainbow Bar & Grill, sondern auch die, die ins Roxy wollen. Dort findet ausgerechnet heute ein Konzert statt. Ist zwar nur eine Teenie Band, die dort heute Abend spielt, aber viele namhafte Künstler und Bands haben dort angefangen, z. B. Neil Young, Frank Zappa, Joe Cocker, Bob Marley, Guns`n Roses und und und. Das Roxy hat 1973 eröffnet und die Liste der „Performances“ seit damals ist der Wahnsinn. Auch die Ramones haben ihr erstes Konzert in Kalifornien dort gegeben, im Jahre 1976. Darüber hinaus sind hier viele Livealben entstanden.

Rainbow Bar & Grill

Trotzdem bin ich optimistisch und hoffe auf ein akzeptables Angebot. Jutta und ich verhandeln schon, wie weit wir gehen würden. In New York haben wir 130 $ pro Nacht bezahlt, das schließen wir hier kategorisch aus. Ich hoffe so mit 30 bis 40 Dollar dabei zu sein, aber ich würde auch bis 60 oder 80 Dollar gehen. Noch bevor ich mir mit Jutta einig werde, kommt der Boss mit seinem Wagen vorgefahren und kurze Zeit später steht er an meinem Fenster und wir verhandeln. Er sagt, sie berechnen stundenweise und es kosten den ganzen Tag über und auch in der Nacht.

Ich halte dagegen, dass wir ja die halbe Nacht im Rainbow sein werden und Drinks konsumieren. Er sagt, für 80 Dollar können wir bis morgens um 10 Uhr stehen bleiben. Ich sage, wir kommen ganz aus Deutschland und sind große Motörhead Fans. LEMMY ist sogar vorne auf dem Auto drauf und dass 80 Dollar doch ganz schön viel ist und ob er uns nicht für 40 Dollar hier übernachten lassen kann. Er ringt mit sich, das sehe ich ihm an und er bietet 60 Dollar an. Ich sage: „Für 50 Dollar sind wir dabei, aber bis morgens um elf Uhr.“ Er gibt sein Ok und der Deal ist besiegelt. Ich parke hinten in der Ecke bei den Müllcontainern und bin ganz zufrieden mit mir und meinem Verhandlungsgeschick.

Hintereingang in Mr. Kilmisters Stammkneipe

Als ich von vorne aus dem Auto nach hinten umsteigen will, da sehe ich einen Kolibri über dem Müllcontainer. Er steht in der Luft und der Flügelschlag ist so blitzschnell, das ich keine Flügel erkennen kann. Sein Gefieder glänzt grün-bläulich. Ich rufe Jutta wieder raus, sie ist bereits hinten in der Kabine, denn ich habe noch nie einen Kolibri gesehen und ich wusste auch noch nicht mal, dass sie außerhalb von Australien oder Neuseeland vorkommen. Nun ist meine Stimmung wieder gestiegen und ich genehmige mir ein kleines Bier aus dem Kühlschrank. Da es noch relativ früh ist, wollen wir abchecken, wo wir morgen stehen können. Denn dann ist ein Konzert mit vier Bands im Whisky a Go Go. Eine Band davon spielt Hardcore. Das Whisky a Go Go ist ganz in der Nähe vom Rainbow, aber vielleicht finden wir noch einen günstigeren und ruhigeren Overnight Stellplatz. Ansonsten wissen wir ja, wo wir für 50 $ stehen können.

Kurz vor der Location sehen wir wieder einen Parkplatz, mit einem Parkwächter davor. Wir sprechen ihn an und er entpuppt sich als sehr gesprächig, äußerst zuvorkommend und bemüht, uns irgendwie zu helfen. Wir kommen regelrecht ins Plaudern und haben Spaß zusammen, denn er ist witzig und wortgewandt. Der Parkplatz, vor dem wir gerade stehen, der geht nicht. Viel zu teuer und zu klein für unser Auto. Aber er weiß einen anderen Platz, ganz nah von hier. Und sein Boss ist kein Halsabschneider, er wird uns einen fairen und guten Preis machen. Er will unsere Nummer haben und gibt uns seine. Nur haben wir gerade kein Internet und deswegen haut das alles nicht hin mit der Kontaktaufnahme über Whatsapp. Jetzt macht er uns tatsächlich noch einen Hotspot und dann klappt es schließlich. Wir lachen viel und scherzen und dann führt er uns sogar noch zu dem nahegelegenen Parkplatz, für den wir in Kürze ein Preisangebot von seinem Boss erhalten werden. Der Platz ist super, nur wenige Laufminuten vom Whisky a Go Go entfernt und wenn der Preis stimmt, dann ist das tipptopp. Wir bedanken uns für seine Mühe und die fast 30 Minuten, die er sich für uns Zeit genommen hat.

Dann gehen wir noch kurz beim Whisky a Go Go vorbei, damit wir für morgen genau Bescheid wissen, wo alles ist. Dann machen wir uns auf den Rückweg in Mr. Lemmy Kilmisters Stammkneipe in West Hollywood. In die Lieblingsbar von Mr. Motörhead.

Whisky a Go Go

Das Rainbow Bar & Grill betreibt tatsächlich einen ziemlichen großen Personenkult um Lemmy, aber warum auch nicht? Lemmy ist Kult und auch Motörhead ist Kult. Sie haben nicht nur mich und meine Jugend geprägt, sie haben große Künstler inspiriert und beeinflusst. Sie haben ein ganzes Genre inspiriert und geprägt. Schon im Eingangsbereich empfängt uns Lemmy mit den Worten „Born to lose, live to win“. Weiter hinten in der Lemmy Lounge sehen wir ihn in Metal gegossen, mit einer Kippe im Mund. Wir setzen uns zunächst in der Lemmy Lounge im Außenbereich an einen der hohen Stehtische und bestellen uns ein Bier. Es dauert keine zwei Minuten und schon wird die Bestellung geliefert, was mich sehr entspannt, da ich mich ja bereits an Cenosilicaphobie leidend, geoutet habe.

Zur „Lemmy Lounge“

Jetzt versuchen wir die Touristen von den „Famous people“ und den Stammgästen zu unterscheiden. Ich habe keine Ahnung, wie gut oder wie schlecht uns das gelingt, aber ich habe ein gutes Gefühl und es macht Spaß. Dann erzähle ich Jutta, was ich vorhin beim Friedhof erlebt habe und das zieht mich kurz wieder runter. Aber das will ich gar nicht zulassen und ich verdränge die Geschichte wieder und fange ein anderes Thema an. Wir bestellen ein weiteres Bier und es wird in der gleichen Schnelligkeit geliefert wie zuvor. Mir wird ein wenig frisch und ich gehe durch den Hintereingang raus auf den Parkplatz, um mir einen dickeren Pulli aus dem Auto zu holen. Dabei komme ich an Lemmys Stammplatz am Tresen vorbei. Hier hat er immer gesessen und seinen Jack Daniels mit Cola getrunken. Ich fühle mich jetzt schon wie Zuhause.

Rainbow Bar & Grill

Ein riesiger Kerl kommt rein und er scheint hier viele Gäste zu kennen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er bestimmt einer der „Famous people“ ist, habe aber keine Ahnung wer es sein könnte. Ist auch völlig egal, wir sind in LA, da wimmelt es von bekannten Menschen und ich habe mir noch nie etwas daraus gemacht. Sind doch auch nur Leute wie du und ich.

Jetzt gehen wir rein, zum Einen wird es immer kühler draußen und zum Anderen will ich den Laden auch von innen kennenlernen. Wir stellen fest, dass die Location viel größer ist, als es von draußen den Anschein hat. Es gibt innen mehrere Bereiche, unten und oben. Wir bestellen unten an der Bar ein weiteres Bier und schauen uns um.

Mr. Kilmister

Mein Handy brummt kurz und vibriert. Ich nutze das Guest Wifi vom Rainbow. Der Boss des freundlichen Parkwächters hat mir, wie versprochen, ein Angebot geschickt. Ich kann allerdings kaum glauben, was ich da zu lesen bekomme. Ich denke an die netten Worte zurück, die der Typ uns vor ein paar Stunden gesagt hat, “….mein Boss ist in Ordnung, kein Halsabschneider, er wird euch ein gutes Angebot machen…!“ Ich reiche Jutta fassungslos mein Handy, damit sie die Nachricht selber lesen kann. Kopfschüttelnd und ungläubig lächelnd gibt sie es mir zurück. „Die halten uns wohl für völlig bescheuert!“, sage ich zu Jutta und sie stimmt mir zu. Um eine Nacht dort zu parken verlangt der Boss 150 $.

Auf dieses Angebot gehe ich nicht weiter ein. Ich ignoriere diese Nachricht, aber dem netten Parkplatzwächter schreibe ich noch kurz, was ich davon halte. Ich bedanke mich sehr herzlich bei ihm für seine Mühe und schreibe übertrieben freundlich und blumig. Ich versuche auch etwas Sarkasmus und Ironie mit unterzubringen. Sinngemäß teile ich ihm mit, dass wir ganz überwältigt sind von so einem großartigen Angebot, es aber dann doch bevorzugen in einem Motel abzusteigen. Dort bekomme ich eine Übernachtung für 120 $ und dazu habe ich Kabelfernsehen, ein Kingsize Bett, einen Swimmingpool und eine Minibar. And by the way, der Parkplatz kostet dann gar nichts!

Bildergalerie auf dem Weg zur Toilette

Nachdem diese Mitteilung verschickt ist, fühle ich mich richtig gut und wir widmen uns wieder anderen Dingen.

Es wird nicht nur Lemmy hier getrunken haben. Den Plakaten und Fotos zufolge waren auch andere Rocklegenden schon hier. Ozzy Osborne, Pantera und einige mehr werden diese Treppe mit dem dicken Teppich hoch gestolpert sein, so wie ich gerade. Ich bin auf dem Weg zur Toilette. Ich will da pissen, wo Lemmy gepisst hat. Es gibt drei Pissoirs zur Auswahl und ich bin sicher, so häufig wie Mr. Kilmister hier war, wird er bereits in jedes dieser Pinkelbecken uriniert haben. Und in diesem Augenblick tue ich es ihm gleich. Ist irgendwie eine coole Vorstellung für mich hier zu pinkeln, in ein Pinkelbecken, wo Mr. Kilmister wohlmöglich schon tausend Mal vorgestanden hat.

Washrooms upstairs!

Ich uriniere zu Ende, wasche mir die Hände und stolpere die Treppe mit dem dicken, versifften Teppich wieder runter. Was für ein geiler Abend. Ich bin bereit nach Hause zu gehen und dort noch einen kleinen Absacker zu trinken. Wir zahlen und verlassen das Rainbow Bar & Grill über den Parkplatz nach hinten raus. Wir wohnen schließlich hier.

Jutta macht sich bettfertig. Ich nehme mir ein kleines Bier aus dem Kühlschrank und setze mir meine Kopfhörer auf, um noch etwas mehr Rock ‚N‘ Roll zu hören, bis ich müde genug bin und die nötige Bettschwere erreicht habe.

Morgens wache ich etwas verkatert, aber zufrieden auf. „Das war doch eine geile Nacht gestern.“, denke ich so bei mir. Und heute Abend werden wir ein geiles Konzert im Whisky a Go Go erleben.

Rainbow Bar & Grill Backstage

Das wird allerdings anders kommen.

„Guten Morgen!“, sage ich zu Jutta, die noch neben mir liegt und mit ihrem Handy beschäftigt ist. „Gibt es gleich Kaffee?“

Beim Frühstück erfahre ich, dass Jutta gar keine Lust hat heute auf das Konzert zu gehen. „Geh du doch alleine hin. Ich bleibe im Auto, mache es mir gemütlich und lese oder so.“, sagt sie. Das muss ich erst mal sacken lassen. Ist ja auch noch ein bisschen Zeit bis heute Abend, vielleicht ändert sie ihre Meinung noch.

„Ich habe heute morgen übrigens einen Parkplatz gefunden, auf dem wir heute Nacht umsonst stehen können.“

Na das sind auf jeden Fall mal gute Neuigkeiten. Heute wollen wir eh in West Hollywood bleiben. Der Walk of Fame ist angesagt, obwohl wir auch da schon 2011 waren. Wir hatten hier ein Motel mit Pool, direkt am Sunset Boulevard. Das hat uns ca. 120 $ gekostet die Nacht.

„Beim Hollywood Heritage Museum können wir stehen, das kostet nichts und ist nicht weit zu laufen bis zum Walk of Fame und zum Whisky a Go Go.“, sagt sie.

Also gut, dann fahren wir dort hin, aber erstmal in Ruhe den zweiten Kaffee trinken und wieder klar kommen. Bin doch ganz schön verkatert und bis elf Uhr können wir hier ja stehen bleiben. Jetzt sind fast alle Plätze wieder frei, gestern Nacht war jeder einzelne Platz belegt. Es ging sogar noch eine Etage höher. Nur zwei enge Kurven und eine steile Straße hoch, da war noch etwas mehr Parkraum vorhanden. Ich würde allerdings jederzeit wieder diese Ecke bei den Müllcontainern wählen, obwohl Jutta sich beim Frühstück über den Lärm in der Nacht beklagt hat. Es wurde wohl zwischendurch immer mal etwas reingeschmissen und irgendwann in der Nacht kam jemand mit einer Stirnlampe und sortierte, im Container stehend, Flaschen und Abfall. Ich habe von alledem nichts mitbekommen, habe geschlafen wie ein Baby.

Kurz vor elf sind wir dann soweit und verlassen wie verabredet den Parkplatz. Doch bevor ich auf die Straße fahre, sehe ich einen Gully noch vor dem Bürgersteig. Dort will ich eben noch den Pee Tank entleeren, dann ist das für den Tag erledigt. Ich weiß ja auch nicht wie die Entsorgungs-Lage am Museum ist. Nach der Aktion fahre ich dann mit etwas Restalkohol im Blut zum nächsten Parkplatz. Der hat zwar etwas weniger Stil, aber dafür ist er umsonst. Jutta gefällt es dort viel besser. Er ist ruhig, mit einigen Bäumen und einem kleinen Park mit Picknickarea daneben.

Wir lassen es langsam angehen und machen an der neuen Destination erstmal einen Mittagsschlaf. Und weil wir immer noch in Los Angeles sind hören wir natürlich „Die Drei Fragezeichen“. Wie wäre es mit „Die Drei Fragezeichen und die flüsternde Mumie?“

Jutta meint es tatsächlich ernst und wird heute nicht auf das Konzert mit mir gehen. Ich bin selber noch unentschlossen, ob ich alleine hingehe oder es sausen lasse. Das kann ich aber auch später noch entscheiden. Wir gönnen uns noch einen Kaffee im Auto. Während wir dazu leckere Kekse essen, dreht ein alter Chinese auf einem kleinen BMX-Rad seine Runden um den Parkplatz. Er hört dabei AC/DC aus einer Boom Box. Irgendwie kommt mir das wie ein Deja-vu vor. Alle zwei bis drei Minuten kommt er vorbei und ich glaube er hört die „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ LP. Er erinnert mich an Mr. Miagy aus Karate Kid, nur mit längeren Haaren und etwas jünger. Eine skurrile Szene irgendwie, wie er hier alle paar Minuten vorbei kommt. Hat er das Fahrrad neu? Sieht nicht so aus. Wurde ihm von seinem Orthopäden verordnet jeden Tag seine Runden zu drehen? Schon eher. Rad fahren ist gut für die Kondition, das ganze Herzkreislaufsystem und schonend für die Gelenke. Ich selber sollte auch mehr Rad fahren.

Nach dem Kaffee und dem Gebäck machen wir uns auf den Weg zum Walk of Fame, zu Fuß.

Wie üblich gibt es hier wieder mehrere, von innen zugehängte Autos. Einige werden hier leben, andere könnten auch Reisende sein oder Stealth Camper. Das sind Fahrzeuge, denen man nicht direkt ansieht, ob dort jemand drinnen schläft, lebt oder eben nicht. Es könnten auch normale Lieferwagen sein, aber ich glaube, wir haben schon einen Blick dafür entwickelt, wer Stealth Camper ist und wer nicht.

Die Beiden kenne ich…

In LA erleben wir das volle Sommerfeeling. Das gefällt mir richtig gut, ich bin der Sommertyp, dem es selten zu warm ist. Aber für Jutta ist es hier gerade im März perfekt, so um die 24-26 Grad. Das mag sie lieber als wenn es zu heiß wird und auf die 30° geht oder drüber hinaus.

Wir laufen los und kommen an tollen Graffiti vorbei. Immer wieder muss ich Fotos machen. Charlie Chaplin, Elvis und Marilyn Monroe schauen von den Fassaden auf uns runter. Ich sehe noch einige andere riesige Gesichter, bin aber manchmal nicht ganz sicher, wer da auf den Wänden verewigt wurde. Amy Winehouse könnte das sein und Anthony Bourdain. Der andere daneben ist bestimmt ein Rapper, aber davon habe ich keine Ahnung.

Dann laufen wir über die ersten Sterne der Stars auf dem Walk of Fame. Sogar hier gibt es ein paar kleinere Zeltlager. Ein paar Punks haben sich am Rande der Meile auf dem Bürgersteig eingerichtet und werden geduldet. Sie sehen noch relativ gut gelaunt aus und nicht so fertig und kaputt, wie sie es evtl. in ein paar Jahren sein werden. Noch trinken sie und feiern, wie ich es auch immer wieder in Hamburg auf St. Pauli beobachte, wenn ich dort auf einem Konzert unterwegs bin. Für sie ist das ganze Leben eine Party und sie haben (noch) nicht begriffen, dass es nicht für immer so fröhlich weiter gehen wird. Irgendwann ist die Party zu Ende und die gute Laune verschwindet und das böse Erwachen droht. Sie haben meine ganzen Sympathien, ich feiere auch gerne. Aber ich habe zum Glück rechtzeitig begriffen, dass nicht das ganze Leben eine Party ist. Denn ohne Geld lässt es sich schlecht feiern. Wer das nicht begreift, der hat vermutlich schon verloren.

Walk of Fame

Wir gehen weiter, schauen in den ein und anderen Laden und überlegen, ob wir in eine Art Fantasie Museum gehen wollen. Die beiden Türsteher bieten uns einen kurzen Blick hinter die Tür und ich denke, dass es sich nicht lohnt, was ich dort zu sehen bekomme. „Maybe later!“, sage ich und wir gehen weiter zu Grauman`s Chinese Theatre. Auf dem Weg dorthin wird gerade der Walkway für die Celebreties der Oscar Verleihung aufgebaut. Jutta hat ein Motörhead-Shirt an und einer der Securities an dem wir vorbei schlendern sagt ihr, dass es ihm sehr gefällt. Er sieht gar nicht aus wie jemand der Motörhead hört. Umso überraschter und erfreuter sind wir. Wir erzählen ihm, dass wir gerade gestern noch in Lemmys Stammkneipe, im Rainbow waren. Ob wir Motörhead schon live gesehen haben, will er wissen und ich kann das selbstverständlich bejahen. In Bremen im Aladin habe ich sie zuletzt gesehen. Das kann er allerdings nicht kennen. Dafür kannte er Lemmy und die Band persönlich und hat für sie mehrere Jahre als Security gearbeitet. Cool! Wir sehen uns noch diverse Handabdrücke und Unterschriften im ausgehärteten Beton an und kommen an einigen Spidermans und Batmans vorbei auf dem Weg zurück, auf der anderen Straßenseite. Es sind eine Menge Leute unterwegs, wie vermutlich jeden Tag hier am Walk of Fame. Wir fahren noch mit dem Aufzug einen riesigen Rundbogen mit drei Brücken hoch und schauen auf das Hollywood Sign. Doch dann bekomme ich langsam Durst. „Wollen wir nicht mal was trinken gehen?“, frage ich Jutta. „Gute Idee!“, sagt sie.

Ich weiß auch schon wohin. Wir sind vorhin an einem Pub vorbei gekommen, da konnte man draußen sitzen und gucken wer so vorbei läuft und außerdem war die Musik dort auch ziemlich gut.

Wir müssen nur ein paar hundert Meter zurücklaufen.

Da drüben ist er schon, Jameson’s Irish Pub, nur noch über eine Kreuzung. Und es ist noch ein Außentisch frei, perfekt. Wir nehmen Platz und studieren das Beer Menü. Two Pints local draught Beer sollen es sein.

On the way to Jameson’s

Wir sitzen direkt am Bürgersteig, auf hohen Hockern an einem kleinen Stehtisch und die großen Fensterfronten hinter uns in den Laden sind geöffnet, so dass wir die Musik von innen gut hören können. Dann kommt das Bier und wir unterhalten uns und beobachten die vorbei laufenden Leute.

Das könnte ich stundenlang machen, people watching, Musik hören und der Biernachschub ist gesichert. Jutta fragt nach wie mein Plan für heute Abend ist und ich weiß es immer noch nicht. Aber eins weiß ich ganz sicher, das Bier schmeckt schon wieder. Es ist hier nicht langweilig und zu gucken haben wir auch reichlich. Wir bestellen ein weiteres Pint für jeden von uns, obwohl es echt nicht gerade günstig ist.

„Cheers!“

Ich wage einen letzten Versuch Jutta für das Konzert heute Abend zu begeistern, denn das Whisky a Go Go ist nicht irgendeine Location. Es ist Los Angeles erster Rock Club und war schon damals ein angesagter Treffpunkt für Musiker, Manager und Produzenten. Dort haben bereits die Doors gespielt, Alice Cooper und Janis Joplin. Reicht noch nicht? Auch Mötley Crue und Frank Zappas Band Mothers of Invention sind dort aufgetreten.

„Kann ja sein.“, sagt Jutta, „aber von denen ist heute Abend niemand da, oder?“ „Wie heißen die noch gleich, die dort heute spielen?“

Jetzt hat sie mich am Arsch, denn ich weiß es nicht. Ich kenne keine von den vier Bands, die dort heute auftreten. Ich weiß nur, dass eine der Bands Hardcore spielt, weil ich bei You Tube von jeder der Bands ein Video gesehen habe.

„Ja, aber es ist doch das Whisky a Go Go und endlich mal wieder ein richtiges Konzert….!“, starte ich einen verzweifelten Versuch.

„Nö, ich habe keine Lust, aber geh du ruhig hin.“, sagt sie.

Was soll ich nur machen, ich weiß es immer noch nicht. Das zweite Bier wirkt schon, meine Stimmung ist eigentlich sehr gut und wir unterhalten uns gerade auch ziemlich gut. Wir müssten erstmal wieder ganz bis zum Auto zurück gehen und dann hätte ich noch wieder ein gutes Stück zu laufen. Ohne Gewähr, ob ich überhaupt eine Karte bekomme, denn online war nichts mehr zu haben. Zuhause gehe ich oft und sogar nicht mal ungern alleine auf Konzerte, denn hauptsächlich bin ich wegen der Musik da. Aber es ist einfach schöner zu zweit oder mit mehreren, denn geteilte Freude ist doppelte Freude. Ich tendiere immer mehr dazu auf das Konzert zu pfeifen und mit dem letzten Schluck aus meinem Glas entscheide ich mich dann für ein weiteres Pint hier im Irish Pub und gegen das Konzert. Das Whisky a Go Go bleibt auch in Zukunft auf meiner Bucket List und wir bestellen uns noch ein Bier. Ich hadere zwar etwas mit mir, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe, aber was soll’s? Es ist wie es ist.

Los Angeles ist definitiv eine Stadt, in der ich leben könnte. Das Gefühl hatte ich schon beim ersten Besuch hier, in der Stadt der Engel. Diese Frage nach meinen Lieblingsstädten habe ich mir schon oft gestellt. Und immer wieder stelle ich fest, dass sie gar nicht so leicht zu beantworten ist. Ich habe mal versucht, eine Top Ten Liste aufzustellen, aber es fliegen immer mal Städte raus und andere kommen rein. Doch gibt es Einige, die immer drin sind. Es müssen nicht mal die schönsten Städte sein, wie beispielsweise Sydney, Rio de Janeiro, Vancouver oder ähnliche Kaliber. Ich könnte leben in Städten wie Bangkok, New York, Tokio oder auch in LA und San Francisco.

Morgen fahren wir weiter in eine andere Stadt. Es wird nach Las Vegas gehen.

Wir nutzen die Gelegenheit über die Route zu sprechen, jetzt wo es klar ist, dass ich nicht alleine auf ein Rockkonzert gehe und wir den Abend zusammen verbringen werden. Wir sehen uns die Karte an und für mich ist klar, dass ich durch die Mojave National Preserve fahren will. Das ist nicht der direkte Weg, aber es geht wieder durch die Wüste und es wird eine schöne Strecke, die wir fahren. Ein Stück von der alten Route 66 nehmen wir auch noch mit. Jutta hat rausgefunden, dass wir dann auch noch an der Bottle Tree Ranch vorbeikommen. Nach über 300 Meilen und vier bis fünf Stunden sollten wir Vegas erreichen.

Bevor wir das Jameson’s verlassen gibt es ein weiteres Bier und wir unterhalten uns prächtig, mittlerweile ganz gut angetrunken. Ich probiere mich in experimenteller Fotografie durch mein Bierglas und wir beobachten immer noch, wer hier alles so vorbei kommt. Einer ist komplett grünweiß gekleidet und er trägt eine große Fahne mit sich herum, auf der er seine Botschaft verkündet. Er läuft mitten auf der Straße und ich denke, so was geht auch nur in Amerika. In Deutschland würde man ihn sofort verhaften. Aber nicht hier, in Amerika ist eben alles möglich.

Jameson’s Irish Pub

Wir kommen auch noch kurz ins Gespräch mit einer deutschen Auswanderin, die am Nebentisch sitzt und mit ihrem Freund etwas isst und trinkt. Sie arbeitet hier im Pub, hat aber jetzt Feierabend. Nach einer netten kurzen Plauderei kümmert sich jeder wieder um seine Belange.

Dann machen wir uns auf den Rückweg nach Hause. Unterwegs sehe ich noch ein paar Müllcontainer und denke, das ist irgendwie auch ein cooles Motiv. Ich stelle mich davor und lasse mich von Jutta ablichten. Cheers!

West Hollywood

Da wir morgen nicht so spät starten wollen, machen wir heute nicht so lange wie gestern.

Die Nacht verläuft sehr angenehm und ruhig. Ich schlafe wieder wie ein Baby und Jutta ist schon lange wach, als ich versuche mir den Schlaf aus den Augen zu reiben.

„Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“, frage ich, bevor ich es wage zu fragen, wann es Kaffee gibt.

„Ja, ganz gut.“, sagt sie. Sie liegt noch eingekuschelt unter ihrer Decke und liest.

Ich strecke und recke mich im Bett und dann riskiere ich einen Blick rüber zu ihr. „Gibt es bald Kaffee?“

Zum späten Frühstück dreht Mr. Miagy auf seinem BMX-Rad wieder seine Runden. Heute hört er Aerosmith.

Wir verlassen LA nach dem zweiten Kaffee und mir ist klar, hier war ich nicht zum letzten Mal.

Los Angeles ist eine fantastische Stadt, eine faszinierende Metropole mit vielen Gesichtern.

Es gibt leider sehr viel Elend hinter der glitzernden Fassade, was mit Sicherheit durch den Virus, der die gesamte Welt verändert, nicht besser geworden ist. Aber es gibt hier auch viel Leichtigkeit, Lebensfreude und vor allem viel Sonne.

An der Bottle Tree Ranch machen wir einen kurzen Zwischenstopp, spenden ein paar Dollar in eine alte Öltonne, freuen uns über diese kleine Sehenswürdigkeit am Wegesrand und schon geht es weiter.

Elmar’s Bottle Tree Ranch

Es wird ein langer Tag und erst spät am Abend, als es bereits stockdunkel ist, werden wir in Vegas ankommen.

Die Strecke dahin ist mal wieder nicht von dieser Welt. Die Mojave Wüste kennen wir bereits, aber dieser Abschnitt durch die National Preserve ist einfach nur traumhaft. So viele Joshua Trees wie hier gibt es kaum sonst irgendwo auf der Welt und das alles auch noch bei Sonnenuntergang zu sehen, das macht diesen Tag perfekt.

Mojave National Preserve

Wir biegen auch mal ab von der Durchgangsroute und machen kleine Abstecher auf Dirtroads, denn wir haben es nicht eilig.

„Hey, hast du gesehen, da waren gerade Sand Dunes ausgeschildert! Lass uns da mal eben hin fahren!“, sage ich.

Mojave National Preserve, on the way to Vegas

Jutta stimmt zu, obwohl sie eigentlich gerne zeitig am Zielort ankommt. Aber das können wir jetzt schon knicken. Es ist bereits klar, bei Tageslicht werden wir Vegas nicht mehr erreichen.

Sie schlägt vor hier irgendwo zu kampieren, in der Wüste und das wäre auch ohne Probleme möglich. Doch so spontan bin ich dieses Mal einfach nicht. Ich hatte für mich heute klar, dass es nach Las Vegas gehen wird. Davon kann ich jetzt nicht abweichen.

Bei den Sanddünen sehen wir einen alten Truck mit einer selbstgebauten Kabine hinten drauf. Ich finde den LKW cool und fotografiere ihn kurz beim Vorbeifahren, ohne zu ahnen, dass wir ihn bald wieder sehen werden.

Wir sehen uns wieder…

Wir sehen noch wenige Andere, die sich einen Platz für die Nacht gesucht haben. Frei stehen ist hier überall möglich, es muss nur mindestens eine Meile von der Straße entfernt sein.

Ich gebe Las Vegas eine zweite Chance. Wir waren schon mal da. Mit einem schwarzen Dodge Durango. Wir wohnten im Hard Rock Hotel und sind vorzeitig abgereist. Ich habe es versäumt damals diese großartige Elvis Presley Show zu sehen. Das habe ich elf Jahre lang bereut. Dieses Mal will ich es besser machen. Ich will nichts bereuen, was ich in Vegas tue oder was ich in Vegas nicht tue. Wie heißt es doch so schön? „What happens in Vegas, stays in Vegas!“

Mojave Desert

Das wollen wir erstmal sehen.

„Las Vegas we are on the way…“

…und was als Nächstes geschieht…

CHAPTER VIII – LEAVING LAS VEGAS TO DEATH VALLEY

…und wie Elvis Presley mir den Abend versaut…