Wir fahren seit Stunden. Heute ist ein Road Day, wie ich es gerne nenne. Gehalten wird nur wenn es nötig ist. Das wäre zum Tanken, für die Toilette, wenn jemand in Not ist oder wir selber in Schwierigkeiten sind und zum Essen.
Unser Ziel ist New Orleans/Louisiana. Das wollen wir morgen gegen Abend erreichen. Heute wollen wir bis Tallahassee fahren. Anschauen werden wir uns dort nur den Overnight Stellplatz, sonst nichts. Es wird ein kleines Abendbrot geben und wir werden früh zu Bett gehen, damit wir für den zweiten Road Day ausgeruht sind.

Natürlich überlegen wir zwischendurch immer mal, wie es in naher Zukunft weiter gehen soll, denn wir haben verschiedene Optionen. Das wir einige Tage in NOLA bleiben werden ist völlig klar, darüber gibt es keine Diskussion, da sind wir uns einig.
Aber was danach kommt, darüber müssen wir reden. Man kann nicht nur in Bars über Routen diskutieren, wenn man ein eiskaltes Getränk vor sich hat, sondern auch auf langen Autofahrten. Zeit haben wir genug und auch an Getränken mangelt es nicht, alkoholfrei versteht sich. Es gibt wahlweise heißen Tee oder Kaffee, Wasser ist immer reichlich an Bord und auch verschiedene Softdrinks oder Eiskaffee.
Wir müssen eine Entscheidung treffen, ob es nach New Orleans nach Norden weiter gehen soll oder aber nach Westen. Ich bin selber unschlüssig, was ich eigentlich will, aber Jutta ergreift eine eindeutige Position. Damit ist klar, dass ich die andere Position einnehmen muss, um alle Aspekte abzuwägen.
Jutta plädiert für den Norden, für Memphis/Tennessee. Das liegt hauptsächlich daran, dass wir gerne Elvis Presleys Graceland besuchen wollen und mich auch die Stadt Memphis sehr reizt. Jutta hat sogar schon einen tollen Übernachtungsplatz am Mississippi rausgesucht, weil wir auf diesem Trip ebenfalls eine Zwischenübernachtung werden machen müssen.
Außerdem argumentiert sie: „Wir werden es sicher bereuen, wenn wir die Gelegenheit nicht nutzen. Denk nur an Las Vegas. Als wir 2006 dort waren und uns wegen DIR NICHT die Elvis Show angesehen haben. Das hast du bis heute bereut!“
Damit hat Jutta vollkommen recht und der erste Punkt geht an sie.
Ich stimme ihr zu und werde immer unsicherer, aber ich will es wenigstens versuchen. Also sage ich: „Wir wollen ja eigentlich rüber in den Westen und der Weg ist noch irrsinnig weit.“
„Ja, dass ist auch so, aber wir haben gesagt es gibt keine Umwege. Egal welche Richtung wir einschlagen, es wird nicht als Umweg deklariert.“ ,hält sie dagegen.
„Mist!“, denke ich mir nur. Zwei zu Null für Jutta. Mich zieht es irgendwie nach Kalifornien, ich spüre es tatsächlich jetzt schon. Das ist allerdings kein schlagkräftiges Argument, darum packe ich jetzt meinen größten Trumpf aus.
„Überlege dir aber, dass wir dann relativ weit in den Norden hoch müssen und wieder zurück in den Winter fahren. Das sollte dir klar sein! Und wenn wir in Memphis sind, dann will ich auch was von der Stadt sehen und einen Abend dort verbringen.“
Dann schiebe ich noch hinterher (weil ich es selber auch immer noch nicht weiß, was ich eigentlich will): „Wir müssen jetzt ja auch noch keine Entscheidung treffen. Wir haben noch ein paar Tage Zeit, um darüber nachzudenken.“
So verbleiben wir dann auch erstmal. Jutta liegt Zwei zu Eins vorne, würde ich sagen. Aber wir werden sehen wie es ausgehen wird. Einen Verlierer wird es nicht geben. Wir gewinnen gemeinsam, egal welche Richtung wir einschlagen werden.
Dann kommen wir in Tallahassee an. Das übliche Bild wird uns geboten. Einige Reisende sind auf der Suche nach einem Umsonststellplatz für eine Zwischenübernachtung, so wie wir. Und andere Leute reisen nicht, sie leben hier. Der Parkplatz ist riesig und erstreckt sich über mehrere Ebenen.

Wir suchen die Nähe von Cracker Barrel, dort ist man willkommen für eine Nacht. Vereinzelt sehen wir wieder die zugehängten Autos und uralte Camper, die niemand mehr bewegen wird. Etwas weiter unten, eine Rampe tiefer, steht ein alter verrosteter Reisebus. Er steht quer über 7 oder 8 PKW-Parkplätze und ich wundere mich, dass er dort geduldet wird. Innen brennt Licht und ich denke: „Der wird wohl auch keinen Meter mehr fahren. Der Zahn der Zeit hat zu sehr an ihm genagt.“ „Bleib ruhig hier stehen Gevatter Reisebus, hier soll es dir nicht schlecht ergehen bis du auseinander fällst.“, wird sich wohl jemand gedacht haben.
Bei uns läuft das Routineprogramm ab. LEMMY bei Bedarf waagerecht ausrichten mit Hilfe der Druckluftfederung, Propan aufdrehen, die Fenster zuziehen und etwas zu Essen machen. Dann gucken wir noch einen Film auf dem Tablet und ab ins Bett.
Next Road Day. Nach der Morgenroutine in umgekehrter Reihenfolge und einem kleinen Frühstück geht es wieder auf die Straße.
Wir fahren einen breiten Highway und ich befinde mich auf der Überholspur. Schließlich wollen wir heute Abend in NOLA ein kaltes Bier trinken. Dann sehe ich was der Grund für mein Überholmanöver ist und kann es kaum glauben. Gevatter umgebauter Reisebus holpert über den Highway. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass er heute morgen nicht mehr auf dem Overnightplatz stand und schon vor uns gen Westen aufgebrochen ist.
Vor einigen Tagen habe ich auf Facebook gesehen, dass Angela in New York ist und dort als Fotografin ein Shooting auf der Brooklyn Bridge hat. Wir kennen Angela und ihren Mann Gerd seit ca. zwei Jahren von einem „Oman Camper“ Treffen. Dort waren nur Teilnehmer dabei, die dasselbe Auto fahren wie wir. „Oman Camper“ ist wohl der geläufige Name für dieses Offroad Fahrzeug und prangt bei Fahrzeugübernahme auch in großen Buchstaben an allen Seiten. Ich habe diese Buchstaben entfernt und durch eigene Aufkleber ersetzt. Was ich aber eigentlich sagen will, dass sie unsere Reise interessiert verfolgt und wir zwischendurch Kontakt haben. Als ich sehe, dass sie in New York ist, schreibe ich sie an und frage wie lange sie in den Staaten bleiben wird.
Nur für einen kurzen Städtetrip, schreibt sie zurück. Aber sie schreibt noch mehr und das ist der Punkt: „Willst du nicht mal einen kleinen Beitrag schreiben über das Langzeitreisen?“
Das will ich sehr gerne versuchen.
An langen Fahrtagen kann man hervorragend nachdenken, wenn nicht gerade eine angeregte Unterhaltung stattfindet oder ein Hörbuch vom Stick läuft. Denn auch Geschichten sind ideal für lange Strecken. Ich liebe es, Stephen King Romane zu hören, gelesen von David Nathan. Wobei gelesen etwas untertrieben ist. Er erfüllt die Geschichten und Figuren durch sein eindringliches Vorlesen so mit Leben, dass die Charaktere real werden. Aktuell lauschen wir gebannt, wie er uns „Misery“ präsentiert.
Aber heute nicht, da wird darüber nachgedacht was Langzeitreisen bedeutet, was es mit mir macht, was es mit Jutta macht. Mir wird klar, das diese Aufgabe gar nicht so leicht umzusetzen ist.
Was sind überhaupt Langzeitreisen? Das ist wie so vieles andere auch, eine Sache der Definition.

Mag sein, das ein japanischer Manager in einer großen Firma nur zwei Wochen Urlaub im Jahr bekommt. Mag sein, dass dieser Manager viele Länder in Europa bereist in seinem Urlaub. Mag sein, dass er denkt, dass Leute mit sechs Wochen Urlaub pro Jahr ganz schön lange Reisen können. Aber sind sechs Wochen lange Reisen Langzeitreisen? Ab wann wird eine Reise zu einer Langzeitreise?
Jutta und ich sind für 13 Monate von unserer Arbeit freigestellt und können diese gesamte Zeit reisen. Das definiere ich als Langzeitreise.
Und da wir schon seit einer ganzen Weile unterwegs sind, nämlich seit dem 31. Juli 2021, bin ich der Ansicht etwas zu diesem Thema sagen zu können.
Langzeitreisen beginnen zunächst mit einer Idee, mit einer Absicht, mit einem Wunsch, einem Traum, vielleicht sogar mit einem Lebenstraum.
Nach dem Traum kommt dann die Planung, um den Traum in die Tat umzusetzen.
Wohin soll es gehen? Mit welchem Fahrzeug und in welchem Tempo reisen wir? Wie lange soll die Reise dauern? Es gibt 1000 Fragen.
Das geht alleine, das geht mit einem Partner oder einer Partnerin. Vielleicht geht es sogar mit einer Gruppe von Freunden.
Nach der Planung kommt der vermutlich schwierigste Teil, die Umsetzung.
Man muss die bürokratischen Dinge regeln. Mit dem Arbeitgeber muss man klären, wie alles ablaufen soll. Kündigt man seinen Job, nimmt man unbezahlten Urlaub oder macht man ein Sabattjahr, so wie wir? Visa Angelegenheiten müssen geklärt werden. Was passiert mit Haus und Hof während der Abwesenheit? Wird ein Carne de Passage auf der Route benötigt? Bekomme ich dafür eine Bankbürgschaft oder hinterlege ich den erforderlichen Betrag in bar? Reist man nicht alleine, dann muss man sich über die Route verständigen und die unterschiedlichen Bedürfnisse während der Reise.
Und dann kommen noch unzählige Kleinigkeiten und Unvorhergesehenes dazu. Zum Beispiel eine Pandemie, geschlossene Grenzen, verspätete Containerschiffe, ausgefallene Flüge und und und.
Aber ist es nicht ganz genau das, warum wir so etwas machen? ABENTEUER?
Ist erstmal die Idee geboren, die Planung abgeschlossen und die Umsetzung läuft auf Hochtouren, dann kommt die Vorfreude, die Aufregung und wir können es kaum erwarten in das Abenteuer zu starten.
Am Anfang fühlt es sich wie ein normaler Urlaub an. Das ist fantastisch. Das kennen wir ja schon. Aber wir wissen, dass wir nicht umkehren müssen nach 5 Wochen, wir können weiter fahren. Erstmal ist das ein gutes Gefühl, aber noch ist es Theorie und nur eine Gewissheit die wir haben. Wie es sich anfühlt, erleben wir erst später. Für Jutta fühlt es sich anders an als für mich. Und so wird jeder wohl seine eigene Erfahrung machen müssen. Jutta hatte relativ früh ihren ersten Tiefpunkt und alles in Frage gestellt. Das war bereits in Griechenland auf Naxos der Fall. Es war an meinem Geburtstag. Wir waren erst seit wenigen Wochen unterwegs. Allerdings sind am Tag zuvor Sonja und Lars abgereist, mit denen wir eine fantastische gemeinsame Zeit dort hatten. Das Wetter war an diesem Tag nicht besonders. Der Stellplatz wirkte plötzlich so trostlos, Sonja und Lars waren nicht mehr da. Zweifel keimten in ihr auf: Reicht es mir „nur“ von einem Ort zum Anderen zu reisen? Füllt mich der Camperalltag mit allem was dazugehört aus? Können gelegentliche Gespräche mit Reisebekanntschaften Freunde und Familie ersetzen?
Aus meiner Sicht kam es nur dazu, weil eine Reihe verschiedener, nicht so glücklicher Umstände eintrafen. Sonja und Lars weg. Wetter mies. Stellplatz trostlos, im Wind und ohne andere Urlauber. Geburtstag unter erschwerten Bedingungen und noch dies und das…
Am nächsten Tag war die Welt dann aber auch schon wieder in Ordnung. Wir sind weiter gefahren und haben uns ausgiebig Programm vorgenommen und in die Tat umgesetzt. So einen Tiefpunkt gab es dann bis jetzt auch nicht wieder.
Selbstverständlich ist nicht jeder Tag rosig. Mal wird auch gestritten oder es geht durch deprimierende Landschaften. In der Türkei haben wir bemerkenswerte und grandiose Natur und Kultur erlebt. Wir hatten höchst erfreuliche und äußerst ärgerliche Begegnungen. Wir sind durch vermüllte und hässliche Orte gefahren. All das macht etwas mit einem.
Wer sagt denn, dass man nur weil man reist, immer gut drauf sein muss? Zuhause hat man doch auch mal einen schlechten Tag. Wir müssen nicht immer perfekt gelaunt sein und sind deshalb trotzdem nicht undankbar. Wir wissen sehr genau, dass nur wenige Menschen so eine lange Reise machen können und empfinden das als großes Glück.
Ich glaube, ich habe mich in der Türkei arrangiert mit dem „Langzeitreisen“. Mehr als das. Ich bin angekommen. Ich kann jetzt den Platz, wo wir mit LEMMY stehen als ZUHAUSE betrachten. Aber ich war immer schon derjenige von uns beiden, der an Fernweh litt und der nie zurück wollte von einer Reise.
Aber auch Jutta ist mittlerweile angekommen und zufrieden. Sie hat mir unabhängig von diesem Thema schon in Halifax gesagt, dass es so, wie wir es machen, genau richtig ist. Darüber habe ich mich riesig gefreut. Ursprünglich wäre sie in diesen 13 Monaten am liebsten nur in Etappen gereist. Immer mal aufgebrochen, um dann zwischendurch ins Waterhole zurückzukehren.
Manchmal ist es tatsächlich schwierig mit den ganzen Highlights klarzukommen. Klingt komisch, ist aber so. Es ist gar nicht so einfach die vielen wahnsinnigen Eindrücke, die wir in kurzer Zeit erleben, zu verarbeiten. Wir reisen relativ schnell und sehen sehr viel. Da muss die Denkfabrik erstmal hinterher kommen. Und dann kommt dazu, dass man dazu neigt, mehr zu wollen. Höher, größer, schneller, weiter! Dabei ist das völliger Blödsinn. Es muss nicht jeder Tag den Vorherigen in den Schatten stellen. Oft passiert das, das ist super. Ein Highlight jagt das Nächste. Aber das ist nicht die Regel und das muss sie auch nicht sein.
Jutta sagt mir, dass sie sich manchmal dabei ertappt sich undankbar zu fühlen, wenn mal ein Tag dazwischen ist, an dem sie nicht so gut drauf ist.

Ich denke, dass es ganz normal ist, wenn wir auf so einer Reise etwas abstumpfen. Es ist nicht möglich und auch gar nicht nötig 365 Tage kontinuierlich eine Steigerung zu erzielen.
Die Reise wird zum Alltag. Wir machen es uns gelegentlich bewusst, ich habe es auch schon erwähnt. Manchmal zwicken wir uns und machen uns klar, dass wir jetzt und hier das Alles erleben dürfen, ist ganz und gar nicht selbstverständlich. Wenn wir durch zauberhafte Berge fahren, dann müssen sie morgen nicht noch zauberhafter sein und auch nicht noch höher.
Wenn mein Lieblingsgericht Pizza Salami ist, dann will ich es doch trotzdem nicht jeden Tag essen.
Und wenn ich ein scharfes Thaicurry mag, dann muss es auch nicht jeden Tag noch etwas schärfer sein.
Was will ich damit sagen? Ich will nicht jeden Tag meinen Lieblingssong im Radio hören.
Ich will Vielfalt, ich will Abwechslung und ich will Abenteuer.
All das bekomme ich auf (m)einer Langzeitreise.
Allerdings gibt es da immer wieder Differenzen zwischen Jutta und mir, was aber auch völlig normal und nicht ungewöhnlich ist. Besonders, wenn die Aufgabenerfüllung gegenseitig nicht so gewürdigt wird, wie erhofft.
Jutta fährt LEMMY nicht gerne selber, das übernehme ich. Zu den gefahrenen Kilometern, dem Verbrauch usw. wird es am Ende der THE WÖRLD IS YOURS TOUR Zahlen, Daten und Fakten geben.

Sie ist für die Routenplanung und Stellplatzsuche zuständig und für das Wohlbefinden innen. Ich bin für alles außen zuständig. Das sind nicht nur die Staufächer, sondern auch das Tarp aufspannen und wieder abbauen, Feuer machen und gegebenenfalls Holz sammeln und zersägen und hacken. Natürlich helfen wir uns auch gegenseitig. Es gibt noch viel mehr Aufgaben, die wir verteilt haben und mal ist der Eine, mal der Andere etwas unzufrieden. Aber auch das ist völlig in Ordnung und darf so sein.
Jutta weist mich auf einen wichtigen Grund hin in die Fremde aufzubrechen, egal ob Langzeitreise oder normaler Urlaub, meinetwegen auch nur der Städtetrip. Das sind die BEGEGNUNGNEN. Zurückblickend kann ich sagen, dass wir so fantastische Begegnungen hatten, dass daraus Freundschaften wurden. Es ist immer wieder schön, unterwegs Gleichgesinnte zu treffen.
Dafür gibt es überall auf der Welt Hotspots. Wir treffen so viele unterschiedliche (Langzeit-) Reisende, dass wir mit dem Einen und Anderen einige Tage gemeinsam reisen. Andere treffen wir unterwegs immer mal wieder. Man tauscht sich aus, profitiert von Erfahrungen und teilt sich selber mit. In brenzligen Situationen hilft man sich gegenseitig.
Da kommen dann auch die Menschen ins Spiel, die dort leben wo wir reisen. Wir erfahren so herzliche Gastfreundschaft und haben unglaublich schöne Begegnungen. Die prägendsten und schönsten Begegnungen hat man oft dort, wo man am wenigsten damit rechnet. Natürlich gibt es hin und wieder auch unangenehme bis hin zu gefährlichen Begegnungen. Die sind dann hervorragend geeignet als Lagerfeuergeschichten. Allein über die Begegnungen, die wir auf dieser Reise bereits hatten, könnte ich einen Roman schreiben.
Eine andere Erkenntnis beim Langzeitreisen ist die, dass wir mit erstaunlich „wenig“ glücklich sind. Es braucht nicht viel auf so einer Reise. Alles was benötigt wird ist im Auto.
Abends ein Lagerfeuer, den Sternenhimmel darüber, ein kaltes Bier und das Glück ist perfekt. Dazu fällt mir ein Song ein von der Berliner Band Großstadtgeflüster. Da singt Jen Bender: „Ich muss gar nichts außer schlafen, trinken, atmen und ficken und gelegentlich um vier Uhr früh `n Bürger verdrücken…“

Das sagt doch alles, die menschlichen Bedürfnisse sind damit abgedeckt.
Um langsam zum Schluss zu kommen was das Langzeitreisen angeht. Ich könnte immer so weiter machen, Jutta erfüllt es nicht in dem Maße wie mich.
Ich fürchte, ich kann hier keine befriedigenden Antworten liefern und wahrscheinlich ist jetzt niemand schlauer als zuvor. Aber wenn ich eventuell jemandem Lust gemacht habe oder bei DIR den Abenteuergeist geweckt habe, dann bin ich schon sehr zufrieden.
Wir überqueren den Mississippi und die Lichter der Großstadt tauchen langsam auf. Es dämmert bereits, als wir uns den Weg bahnen ins French Quarter. Es gibt zwei Optionen hier zu stehen. Die erste ist ein gewöhnlicher Parkplatz, der allerdings 50 $ kostet, pro Nacht natürlich. Es stehen bereits einige Camper hier. Die andere Option ist ein RV Stellplatz, der direkt hinter dem Parkplatz liegt, hinter einem hohen Zaun und der das Doppelte kostet. Dafür gibt es einen Swimmingpool, heiße Duschen und freies WLAN. Der wichtigste Punkt aber ist die Sicherheit des Autos.
Für heute Nacht bleiben wir auf dem Parkplatz, wir sind ja auch schon dort. Morgen fahren wir auf den RV Stellplatz.
Wir sind den ganzen Tag gefahren, haben nur zum Lunch gehalten, wieder bei Cracker Barrel. Dort gibt es so einen leckeren Hackbraten mit Kartoffelpüree, Gravy und grünen Bohnen und dazu Homemade Lemonade. Leider dauert es bis zu einer Stunde, bis man sein Essen serviert bekommt. Nach dem Essen habe ich noch getankt und dann wieder Gevatter Uraltreisebus überholt.
Jetzt sind wir ziemlich müde, aber auch aufgedreht. Ich könnte eh noch nicht schlafen. Nicht zwei Minuten vom French Quarter entfernt, ohne es noch in Augenschein genommen zu haben. Also machen wir uns auf den Weg, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Wir finden das LEMMY hier gut steht, unter einem fast lilafarbenem Himmel, vor einigen Hochhäusern.

Wir spazieren nur über eine Straße und schon sind wir im French Quarter. Es ist etwas spookie hier, dunkel und verlassen, abseits der Hauptrouten…..
Ich habe sofort ein vertrautes Gefühl, als ob ich schon hier war, als ob ich mich hier auskenne. Und ich kenne mich hier aus, ich war schon mal hier.
Ich habe lange Zeit hier verbracht, viele endlose Nächte. Bin hier überall rum gefahren, mit den geilsten Karren, die man sich vorstellen kann. Ich habe hier viel zu Bruch gehen lassen, habe mir Respekt verschafft, habe mir einen Namen gemacht. Lincoln Clay. Diese Stadt ist meine Stadt. Diese Stadt ist nichts ohne mich. Ich bin wieder hier.
….das wird sich schnell ändern. Wir hören etwas lauter klingende Livemusik je näher wir kommen. Es klingt nach einer Dixieland Combo. Wir befinden uns in der Geburtsstadt des Jazz. Auch die Menschenmenge wird stetig größer, das Licht greller und die Leute auf der Straße werden immer schriller. Für Autos wird der Kernbereich des French Quarter abends abgesperrt. Zufällig steuern wir geradewegs auf die Bourbon Street zu und an dieser Kreuzung ist ein Knotenpunkt mit etlichen Bars. Die Polizeipräsenz ist groß. Sie patrouillieren hier auf Pferden. Alkoholkonsum auf der Straße scheint toleriert zu werden. Ich sehe viele Feiernden mit großen Bierdosen in der Hand.

Mein „Gute Laune Pegel“ rast auf einer Skala von 0 – 100 steil nach oben. So wie Kowalski mit seinem weißen 1970er Dodge Challenger R/T von Denver nach San Francisco gerast ist. Kowalski hatte nur 15 Stunden Zeit im Film „Vanishing Point“, um San Francisco zu erreichen. Ich habe mindestens 72 Stunden Zeit für New Orleans. Das fühlt sich gut an.
Heute wollen wir allerdings nur noch in die Dungeon Bar, eine Metalhead Kneipe, um auf NOLA anzustoßen. Cheers!

Wir gehen durch eine sehr schmale Häuserzeile, so schmal, das wir hintereinander gehen müssen. Vor der Dungeon Bar ist ein winziger Innenhof für die Raucher.

Die Bar ist klein, schummrig und voll. Am Tresen ist gerade noch Platz für uns. Wir bestellen zwei Local Beer, was sonst? Das erste Louisiana Beer. Ab jetzt werden wir hier 72 Stunden Zeit verbringen. 72 Stunden in NOLA. Jutta, ich….. und Lincoln Clay.
Die sichtbaren Spuren, die der Hurricane Katrina hinterlassen hat, sind offenbar beseitigt. Er wütete vom 23. bis zum 31. August 2005 in New Orleans und zerstörte weite Teile der Innenstadt. Was er mit den hier lebenden Menschen angerichtet hat, können wir nur erahnen.
Jetzt ist nichts mehr davon zu sehen und die Leute feiern wieder, als gäbe es kein Morgen. Das wollen wir auch, feiern. Aber erst später, vorher wollen wir uns im French Quarter umsehen, wollen alle Eindrücke dieser wunderbaren Südstaaten Schönheit aufsaugen, wollen den Duft des Mississippi tief in unsere Lungen ziehen und das ganze Stimmengewirr und den Jazz aus allen Richtungen in uns aufnehmen.
Die für New Orleans typischen Häuser sind hier im Quarter überall und sie sind eine wahre Augenweide. Diese Balkone mit den verzierten, verspielten gusseisernen Geländern. Die bunten Fassaden, die ganzen Lichter, das alles fordert unsere Sinne. Ich erkenne eine Szene aus dem David Lynch Film „Wild At Heart“ wieder. Es ist einer meiner Lieblingsfilme, ein Roadmovie. Und es geht um Sailor und Lula, einem Paar, das auf der Flucht ist. Gespielt werden diese beiden von dem damals großartig spielenden Nicolas Cage und Laura Dern. Die Szene, die ich erkenne, trägt im Grunde nichts zu Handlung des Films bei. Sie ist nur schräg, eben David Lynch like. Da spazieren zwei schräge Vögel unter einem dieser Balkone entlang, einer gibt merkwürdige Geräusche von sich. Sie gehen eigentlich auch nicht, sie bewegen sich irgendwie auf eine eigenartige Weise vorwärts. Untermalt wird das Ganze von sphärischer Musik und die Kamera schwenkt auf einen wehenden Vorhang an einem dieser Balkone. Eine Szene eben wie es sie so nur in David Lynch Filmen zu sehen gibt. Und genau unter diesem Balkon laufen wir gerade entlang. Ich erkenne diesen Ort wieder, ich war schon mal hier, schon oft sogar….

…ich kontrolliere hier sogar einige Bars und andere Etablissements. Das alles habe ich mir hart erarbeitet, nachdem ich ’69 aus Vietnam zurück gekehrt bin. Geschunden, kaputt, demoralisiert. Als Schwarzer hat man es nicht leicht in Louisiana. Aber Vietnam liegt hinter mir. Jetzt ist jetzt. Alte Freunde haben mir geholfen und mir Unterkunft und Jobs ermöglicht. Ja, Jobs waren es. Keine normalen Jobs, aber welche, die ich erledigt habe. Unbequeme Jobs, die nicht jeder hätte machen können. Ob ich mir dabei die Finger schmutzig gemacht habe? Oh ja und das gründlich. Aber es hat sich ausgezahlt. Jetzt kennt man mich in der Stadt. Man fürchtet mich im Quarter und weit darüber hinaus. Ich habe noch immer Freunde hier. Leute, die loyal hinter mir stehen. Aber mein Einflussbereich wird größer und meine Partner wollen immer mehr abhaben vom Kuchen. Ich verteile die Stücke, das Eine ein wenig größer, das Andere etwas kleiner. Neid, Missgunst und auch Habgier spiegelt sich in den Augen meiner engsten Vertrauten. Ich weiß nicht, wie lange das noch gut geht. Ich erledige erstmal noch den nächsten Job. Dann sehen wir weiter. Was der nächste Job ist? Ich werde auf dem Mississippi Dampfer einen korrupten Stadtrat umlegen, der hohe Ambitionen hat. Er will für das Amt des Gouverneurs kandidieren. Soweit darf es nicht kommen. Wenn der Job erledigt ist wird man darüber sprechen. Und man wird wissen, wer dafür verantwortlich ist. LINCOLN CLAY.
Wir lassen uns einfach treiben und biegen links ab. Dann kommen wir an einen Platz vor einer alten Kirche. Eine farbige Mama in roten Badelatschen bietet ihre Dienste an. Sie hat einen kleinen Stand vor der Kirche aufgebaut bzw. ist gerade dabei ihren Stand aufzubauen und sie scheint eine echte Voodoo Priesterin zu sein. Wer wissen will, was die Zukunft für ihn bereit hält, der ist hier richtig. Sie liest unter anderem aus Knochen und Tarot Karten. Diese kleinen Voodoopuppen, die man so gut mit Nadeln malträtieren kann, während man an eine ganz bestimmte Person denkt, die gibt es hier auch. Ob sie tatsächlich in der Lage ist, einem LIEBE, GELD, SCHUTZ, SEGEN und ERFOLG zu ermöglichen, wie sie es verspricht, dass weiß ich nicht.

Hier an der Kirche mit einem kleinen Park davor, trifft sich auch die Drogenszene und viele Menschen ohne Obdach leben ebenfalls vor dem Gotteshaus. Eine kleine Menschenansammlung feiert den „Happy Tuesday“ und wir vermuten, dass es sich um eine „Pre Mardi Gras“ Veranstaltung handelt. Bunt kostümiert ziehen sie laut trötend weiter. Im Vorbeigehen werden wir von einer leicht bekleideten jungen Lady mit einem Sticker beklebt. Sie begleitet ihr Tun mit einem ansteckendem Lachen im Gesicht und den Worten: „Happy Tuesday!“
Wir haben mittlerweile Appetit bekommen und finden ein rustikales Restaurant mit lokaler Küche. Es ist längst Mittagszeit und zum Essen gönne ich mir mal ein großes Bier. Wir sind schließlich in NOLA und heute Abend wollen wir ausgehen.
Nach dem Lunch schlendern wir weiter und entdecken ein Museum. Es ist das DEATH MUSEUM und das wollen wir uns unbedingt anschauen, bevor wir die Stadt verlassen. Satt gegessen und voller neuer Eindrücke kehren wir zum Parkplatz zurück und ziehen um auf den sicheren RV Stellplatz mit Swimmingpool. Dann machen wir einen ausgedehnten Mittagsschlaf und hören „Die Drei Fragezeichen“, um schnell einschlafen zu können. Wir haben schließlich eine lange Nacht vor uns.

Heute Abend setze ich mir meinen Hut auf. Wir sind in New Orleans. Da können wir uns auch mal etwas in Schale werfen. In allerbester Stimmung machen wir uns fertig und während Jutta noch beschäftigt ist, überbrücke ich die Wartezeit mit einem kleinen Bier.
Bevor wir in die erste Bar des Abends gehen, heute wollen wir Livemusik, spazieren wir erst durch dunkle, abseitige und einsame Gassen, bis es dann nach einer Weile immer belebter wird je näher wir der Bourbonstreet kommen.

Zuerst wollen wir runter zum Fluss. Den Mississippi wollen wir sehen und den alten Raddampfer, auf dem wir morgen Abend an einer Dinner Tour teilnehmen werden.
Der Fluss ist beeindruckend breit und der Schaufelrad-Dampfer liegt am Kai. Ein gespenstischer Nebel wabert über den Fluss und umhüllt den Kahn, als wolle er ihn langsam verschlingen.

In weiter Ferne sehen wir die beleuchtete Brücke über die wir NOLA erreicht haben. Rechts davor die schöne Skyline der wenigen Hochhäuser. Wir checken schon mal die Lage, damit morgen alles reibungslos läuft und wir in etwa wissen, was uns erwartet. Eine Stunde bevor das Boot ablegt sollen wir vor Ort sein. So steht’s geschrieben….
…..aufmerksam beobachte ich das Geschehen am Pier. Die in Abendgarderobe gekleideten Gäste zeigen alle ihre Karten vor und werden freundlich willkommen geheißen vom Bordpersonal. Dann geht es über eine lange Gangway rauf auf’s Boot. Die Damen müssen aufpassen, dass sie mit ihren hohen Absätzen nicht stecken bleiben. Bemüht, so elegant wie möglich diesen Weg hinter sich zu bringen, wird oben an Deck bereits wieder gescherzt und die Konversation mit dem Gatten wird fortgesetzt. Ich habe für morgen auch eine Karte, um an Deck zu kommen. Doch ist hier und heute nicht ein einziger Farbiger zu sehen, außer mir selbst. Ich jage den Gedanken zum Teufel und konzentriere mich auf die Gegenwart. Ich achte auf jedes Detail: Wo sind die Rettungsboote? Wo befinden sich die Außentreppen? Es gibt mehrere Decks, zu erreichen über Treppen, die innen und außen verlaufen. Kann ich die Washrooms von hier erkennen? In einem der Washrooms wird eine Pistole für mich deponiert sein, im Spülkasten. Aber erst morgen.

„Heeh, was lungerst du hier herum? Du hast hier nichts verloren. Verschwinde Boy!“ Ein Hafenarbeiter ist auf mich aufmerksam geworden und marschiert stramm auf mich zu. Ich denke nur: „Heute ist dein Glückstag du Hurensohn.“ und ziehe mich zurück. Ich will keine unnötige Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Heute nicht. Nein, heute noch nicht.
Als wir uns das ganze Treiben genug angeschaut haben, bekomme ich Durst. „Komm Jutta, lass uns weiter gehen, ich habe Bock auf Jazz und ein großes, kaltes Bier.“
Überall laufen feiernde Leute rum, alle sind gut gelaunt. Das steckt an. Manche torkeln bereits und Musik dröhnt aus jeder noch so kleinen Bar. Wir können uns nicht sattsehen an diesen einzigartigen Häusern hier, an den verschnörkelten Balkonen und den geschmückten Fassaden. Teilweise hängen bunte Banner an den Geländern. Blumen und Girlanden verschönern die Sitzecken auf den Galerien. Aber wie lebt es sich hier im French Quarter, in der Nähe der Bourbonstreet? Jede Nacht wird lauthals gefeiert. Ausgelassene Stimmung jeden Tag, ab spätem Nachmittag geht das Gelage los. Musik überlagert sich aus allen Richtungen. Man muss es schon lieben das Quarter, um hier glücklich zu sein oder sehr gut schallisolierte Fenster haben.

Wir stürzen uns erwartungsfroh ins Getümmel. Wir haben Bock zu feiern. Es dauert nicht lange, da hören wir wieder eine Dixieland Band aufspielen. Kurz horchen wir am offenen Eingang und sind uns sofort einig. Mit dieser Kneipe fangen wir an. Alle Tische sind besetzt, aber am Tresen ist ein Lücke, die reicht für uns.
Diese prädestinierten Plätze am Tresen, an der Quelle sind eh meine bevorzugte Wahl. Die Übersicht ist besser und der Nachschub ist gesichert. Ich glaube ich erwähnte es bereits, ich hasse leere Biergläser. Das liegt an meiner Cenosilicaphobie. Das ist die Angst vor leeren Biergläsern. Das gilt allerdings auch für Flaschen und für Dosen im gleichen Maße. Solange das Glas noch halbvoll ist, ist die Welt in Ordnung, aber nähert sich der Pegel dem Boden, dann steigt langsam Unbehagen in mir auf. Sitzen wir nun irgendwo mitten drin an einem Tisch, dann suchen meine verzweifelten Blicke längst nach der Bedienung und der Stresspegel steigt. Das kann natürlich auch in einer gut besuchten Bar am Tresen passieren. Die Barkeeper könnten zu beschäftigt sein, um sich um mich zu kümmern oder irgendwo im Laden rumlaufen. Vielleicht müssen sie gerade eine Flasche Jack Danielsaus dem Schnapslager holen. Dann werde ich wieder unruhig. Aber am Tresen ist es allemal entspannter und die Wahrscheinlichkeit, dass die Bar längere Zeit unbeaufsichtigt ist, ist doch ziemlich gering. Wenn dann doch mal der seltene Fall eintritt und es ist keine Bedienung in meinem Sichtfeld, das Glas aber schon fast leer, dann kommt langsam Panik in mir hoch. Sie kriecht von tief unten aus dem Bauchraum langsam aber stetig nach oben. Schweißperlen auf der Stirn sind die ersten Anzeichen dafür. Hilflose Blicke in alle Richtungen.
„Wo ist die verdammte Bedienung!“, möchte ich schreien, tue es aber nicht. Ich verliere nie die Kontrolle. Da können Sie jeden fragen.

Wir haben einen tollen Platz und sehen die Band auf der Bühne mit viel Spielfreude jazzen. Einige Leute tanzen und auch wir amüsieren uns prächtig. Die Zeit vergeht rasend schnell. Wieso ist das immer so, wenn man was Tolles erlebt? Ein eigenartiges Phänomen. Draußen können wir sehen wer so vorbeischlendert und auch mal einen Blick hinein riskiert. Es ist mittlerweile rappel voll, auch an der Bar. Wir passen gut auf den Barhocker des Anderen auf, wenn mal Einer von uns in den Washroom muss. Wir rücken immer dichter zusammen, mal drängelt sich ein verzweifelter Bargast an mir vorbei, um sich was zu bestellen. Keiner kann mehr Verständnis dafür aufbringen, als ich selber.
Er sieht noch entspannt aus, keine Schweißperlen auf der Stirn. Aber wer weiß, Cenosilicaphobie ist eine seltene Krankheit und die Dunkelziffer könnte sehr hoch sein.
Die Band macht eine Pause und wir überlegen weiter zu ziehen. Die Drinks werden geleert und los geht es. Raus auf die Straße, die Bourbonstreet runter an die belebteste Ecke. Das ist diese kleine Kreuzung mit der hohen Polizeipräsenz und überall steppt der Bär. Wie ein großer Jahrmarkt. Coole Leute laufen hier rum, schrille Leute, aber auch merkwürdige und kaputte Leute sind nicht selten. New Orleans, French Quarter. Hier ist jeder willkommen.

„Komm wie du bist, aber komm.“ So heißt es doch auch schon in der Bibel.
Ich weiß schon wo ich hin will. Wieder höre ich Livemusik, doch diesmal keinen Jazz. Guns ‚N Roses dröhnt aus einer großen Bar mit vielen offenen Türen, die mir gestern schon aufgefallen ist. Da die Gunners sicher nicht selber in Town sind, wird es wohl eine Coverband sein. Aber egal, da gehen wir rein. Im Vergleich zur vorherigen Bar ist hier nicht sehr viel los. Der Laden ist doppelt so groß, aber nur ein Viertel so voll. Das stört uns aber keineswegs. Etwas Rock’n’roll kann nie schaden. Und es gibt auch kein Gedränge am Tresen. Erstmal zwei Bier, hier allerdings jetzt aus der Flasche. Einen Beercooler habe ich selbstverständlich in der Hosentasche dabei. Die Band hier ist weniger spielfreudig. Jetzt kommt Black Sabbath/Paranoid, das gefällt mir. Aber danach bitte nicht Smoke on the Water von Deep Purple. Ich habe keine Ahnung, ob diese Gruppe jeden Abend hier auftreten muss. Wenn dem so ist, dann kein Wunder, dass sie nicht ständig die ein hundertfünfzigprozentige Show abliefern. Es sind ja auch nicht viele Gäste da. Eine Handvoll Leute steht vor der Bühne, schon begeistert, aber nur eine ziemlich betrunkene Dame tanzt.
Deep Purple bleibt mir erspart, die Band macht Pause und der DJ legt jetzt auf. Ich kann mein Glück kaum fassen, er spielt Tennessee Whiskey von Chris Stapleton. Cheers!
Mit dem Song im Rücken und meinem Bier in der Hand stelle ich mich in den Türrahmen und schaue dem bunten Treiben auf der Straße zu. Ich liebe NOLA.

Nachdem dieser grandiosen Song verklungen ist, gehe ich zurück an den Tresen. Ich sage zu Jutta, „Bin mal eben kurz aufs Klo, komme gleich zurück…….!“
…….auf dem Weg zum Washroom höre ich eine Stimme rufen.
„Hey du, was willst du hier, solche wie dich wollen wir hier nicht haben. Verschwinde aus meinem Laden!“
Ich weiß schon was jetzt kommt. Diese Situation erlebe ich nicht zum ersten Mal, bei Gott nicht.
Der Barkeeper wird mir folgen. Aber es ist ernst, ich bin schwer verwundet und brauche das Medipack und die Adrenalinspritze aus dem Washroom. Ich wurde angeschossen bei einem anderen Auftrag. Konnte mich gerade noch in diese Bar retten. Die Wunde ist nicht besonders schlimm, doch ich muss mich darum kümmern.
Die Bar habe ich schon beim Reinkommen abgescannt. Es sitzen fünf Leute am Tresen, drei Typen und zwei Ladies. Die sollten mir keine Schwierigkeiten machen. Der Barkeeper allerdings ist ein regelrechter Schrank, einen guten Kopf größer als ich.
Ich bin bereits im dunklen Flur vor dem Washroom und der erlösende Kick der Spritze ist zum Greifen nah. Da werde ich von hinten an der Schulter gepackt. „Ich habe gesagt, Leute wie deinesgleichen wollen wir hier nicht!“
„Leute wie deinesgleichen.“, denke ich bei mir „was sind denn Leute wie meinesgleichen, du Arsch?“
Gleichzeitig überlege ich in Bruchteilen von Sekunden, wie ich den behäbigen Typen aus dem Weg räume. Schießen ist keine Option. Dann wimmelt es hier in wenigen Minuten im ganzen Viertel von Cops. Irgendeiner der Gäste rennt immer los zur nächsten Telefonzelle. Den müsste ich dann auch noch ausschalten. Ich könnte ihm den Kiefer zertrümmern, aber das ist für meine Faust dann auch sehr schmerzhaft. Etwas angenehmer für mich ist es, wenn ich ihm einen schnellen und harten Schlag auf die Leber oder die Niere gebe, aber dann kommt er wieder auf die Beine. Seinen Kehlkopf werde ich verschonen, denn ich will ihn nicht umbringen und so was geht leicht tödlich aus. Seine Nase könnte ich zu Brei schlagen, das setzt sie in der Regel auch außer Gefecht. Aber wegen seiner Größe kann ich nicht die volle Wirkung erzielen. Der Weg ist zu weit und ich verliere Zeit. Nur Millisekunden, aber trotzdem. Ich entscheide mich für den Unterkiefer.
Die Größe des Gegners spielt nur eine untergeordnete Rolle. Er darf auch kräftiger sein als ich selbst. Worauf es ankommt, das ist das Überraschungsmoment. Kurz für etwas Verwirrung sorgen reicht meist schon aus. Ich muss blitzschnell sein.
Langsam drehe ich mich zu ihm um, fixiere seine Augen. Ich bin im Vorteil, denn ich weiß was jetzt passiert. Er glotzt mich an und will gerade etwas sagen, doch bevor nur ein Laut über seine Lippen kommt, fliegt meine Faust direkt in seine hässliche Visage. Jeder meiner Muskeln ist bis zum zerreißen gespannt. Es schmerzt nur ein wenig, denn durch diese Aktion wird reichlich Adrenalin freigesetzt. Ich spüre wie sein Kinn eingedrückt wird, Knochen splittern. Er sackt zu Boden und ich ziehe ihn in den Washroom. Dann hole ich mir mein Medipack und injiziere mir die erlösende Spritze. Jetzt geht es mir besser. Bevor ich diese Rassisten-Bar verlasse, gehe ich hinter den Tresen, nehme mir das Geld aus der Kasse und verschwinde durch den Hintereingang. Die Leute am Tresen schauen nur irritiert zu. Wenn jetzt doch noch jemand los laufen sollte zu einem Telefon, um die Cops zu rufen, dann ist mir das egal. Ich kenne mich aus in den Hinterhöfen von NOLA. Da können sie Jeden fragen. Es wird heißen: „Lincoln Clay, ja ja, der kennt sich aus in den Hinterhöfen von New Orleans.“
Die Band hat ihre kurze Pause beendet und spielt bereits wieder, als ich aus dem Washroom zurückkehre zu Jutta an den Tresen. „Noch ein Bier?“, frage ich.

Eine Weile bleiben wir noch, dann bummeln wir durch die nächtlichen, erst belebten, dann immer einsamer werdenden Gassen zurück nach Hause. Als wir den Kernbereich des French Quarter, der in den Abend- und Nachtstunden ausschließlich den Ausgehwilligen vorbehalten ist, langsam verlassen, ist wieder Autoverkehr erlaubt. Zwei grelle Lichter blenden uns und kommen näher. Als sie mit uns auf einer Höhe sind, gibt es plötzlich ein lautes, knallendes Geräusch. Es klingt als prallen zwei harte, metallische Sachen aufeinander. Das Auto sackt vorne links kurz ab und dann sehe ich die Ursache für den Lärm. Der Gullydeckel ist eine Etage tiefer gedrückt worden, als der vielleicht eine Millionste Autoreifen drüber gerollt ist. Der Vorderreifen platzt und das Chassis setzt kurz auf, aber der Wagen bremst nicht. Der Vorderreifen erhebt sich aus dem Loch und schlägt dann weit nach rechts ein, denn der Fahrer hat geistesgegenwärtig richtig reagiert und ein Einbrechen des Hinterreifens verhindert. Es touchiert nur den Rand des entstandenen Kraters. Wir sind nicht die Einzigen, die diesen kleinen Vorfall bemerken. Ein hilfsbereiter Obdachloser eilt herbei mit einer großen Mülltüte in der Hand. Er stopft sie in das Loch und tritt sie auch noch etwas fest. Obwohl ich denke, es wäre besser, sie weiter nach oben raus ragen zu lassen. Dann wäre sie deutlicher zu sehen und vor dem Loch wäre besser gewarnt. Aber ich will ihn nicht belehren und sage nichts, stattdessen zeige ich ihm meine Hand mit einem nach oben gestreckten Daumen. Er sagt etwas zu uns, während der Fuß noch die Luft aus dem Müllsack stampft und amüsiert sich sichtlich dabei. Was er sagt verstehen wir nicht, vermutlich….

….ist der korrupte Stadtrat daran Schuld, dass NOLA den Bach runter geht. Es wird Zeit, dass da mal jemand aufbegehrt und den feinen Herren zeigt, wo der Hammer hängt. Sogar die Straßen verkommen in diesem Viertel, niemand kann sich des Nachts mehr sicher fühlen. Gesindel treibt sich rum, Pöbel und Gesocks. Ganz zu schweigen von dem ganzen Dreck im Quarter, Müll wohin man schaut. Da sehen die anderen Viertel aber besser aus. Schöne weiße Häuser mit grünem Rasen davor. Zwei Autos in der Einfahrt vor der Doppelgarage. Eins für Mrs. Saubermann und eines für Mr. Saubermann. Hinter dem Haus steht eine Schaukel für die Blagen der Saubermanns, gleich neben dem BBQ Grill. Vor der Terrasse ist ein Pool, denn man will zeigen, was man hat. Man will zeigen, dass man ein hart arbeitender Familienvater ist, der sich seinen Champagner am Pool redlich verdient hat. Redlich, von wegen…….
….war es nicht so wichtig, was er gesagt hat. Auf dem Heimweg kommen wir an unserem ersten Stellplatz vorbei. Wir spekulieren wer morgen noch da stehen wird und wer wohl bereits abgereist sein wird, wenn wir hier wieder hier vorbeikommen.
Und dann sehen wir schon den hohen Zaun unseres RV Parks, der Sicherheit ausstrahlt, der aber auch eine Distanz schafft. Hier wird eine klare Grenze gezogen. Eine Grenze, die ich überhaupt nicht haben will. Das wird mir jetzt gerade klar.
Rein kommt man nur mit dem Key, einem Zahlencode, der an dem Schiebetor auf einer kleinen Tastatur eingetippt wird. Stimmt der Key, dann rollt dieses Tor beiseite und ebnet uns den Weg auf die sichere Seite der Stadt. Auf die gute Seite mit dem Pool, den ich nie nutzen werde.

„Scheiß auf den Pool.“, denke ich mir. Eigentlich würde ich doch lieber bei den Anderen stehen, die nur die Hälfte zahlen. Sie müssen auch nicht für einen Pool bezahlen, den sie nicht benutzen.
Wir sperren hier niemanden aus, nein, wir sperren uns selber ein. Es ist eine Sache der Denkweise.
Hinter uns rollt das Tor wieder in seine geschlossene Ausgangsposition. Mir ist unbehaglich dabei.
Aber was soll’s. Ist nicht die erste Fehlentscheidung die ich getroffen habe.
Ich genehmige mir noch ein Bier, bevor ich zu Bett gehe. Bin noch zu aufgekratzt von dem geilen Nachtleben in NOLA. Jutta legt sich schon ins Bett. Ich setze mir meine Bluetooth Kopfhörer auf und streame Musikvideos. Ich will wenigstens das verfickte WLAN nutzen, schließlich habe ich verdammt noch mal dafür bezahlt.

Am Morgen schlafen wir uns richtig aus. Wir frühstücken draußen, duschen in den erstklassigen Washrooms und ich sehe diesen Pool und frage mich, ob da jemals jemand rein steigt. Er ist immer leer, wenn ich zu den Restrooms gehe, obwohl alle Stellplätze hier drinnen belegt sind. Sie sind belegt von Riesenwohnwagen und Campern größer als Reisebusse. LEMMY gehört hier nicht rein, wir gehören hier nicht rein. Morgen verlassen wir New Orleans. Aber vorher….
….habe ich noch was zu erledigen. Einen Job, einen schmutzigen Job, den ich lieber selber erledige, bevor ihn jemand anderes verpatzt.
…wollen wir uns noch das Death Museum ansehen. Es ist in der Bourbonstreet und wir haben es nur zufällig, quasi im vorbeischlendern, entdeckt. Das könnte interessant werden. Wir waren mal in einem Torture Museum in Amsterdam, das war auch sehr spannend. All die ganzen Foltergeräte und Werkzeuge und technischen Gerätschaften. Wer denkt sich so was aus? Der „spanische Esel“ beispielsweise, ein Gerät welches höllische Schmerzen verursacht. Jemand wird auf einen Holzbock gesetzt, der nach oben hin immer schmaler wird. Gewichte an den Füßen des zu Folternden ziehen den Leidenden nach unten, so dass nach kurzer Zeit die Qualen im Schritt nicht mehr zu ertragen sind. Die Hände sind auf dem Rücken gefesselt, so dass auch ein Abstützen nicht möglich ist.
„Der Mensch ist das schlimmste Tier.“
Und dann haben wir heute Abend die Dinner Tour auf dem schönen alten Mississippi Schaufelraddampfer. Ich wollte gerne die Dinner Tour, weil es abends schöner ist, vom Wasser auf die Skyline zu blicken, wenn die Lichter der Stadt angehen und ein nebliger Dunst über den Fluss schwebt. Dazu spielt eine Jazzband an Bord alte Dixieland-Klassiker.

Weil wir beide heute morgen etwas verkatert sind, gehen wir es langsam an. Bevor es losgeht, machen wir einen frühen, aber kurzen Mittagsschlaf.
Wir gehen immer mal etwas andere Pfade, damit wir mehr Einblicke gewinnen in dieses faszinierende Stadtviertel. New Orleans ist jetzt schon zu einem wichtigen Highlight auf dieser Reise geworden und das French Quarter ist einzigartig. Nicht nur das Nachtleben in und um die belebte Bourbonstreet ist fantastisch. Auch die ganzen schrillen Figuren, die hier rumlaufen. Der Hauch von Voodoo, der besonders durch die abseitigen, die verlassenen Gassen schwebt. Das alles sauge ich förmlich in mich auf, inhaliere die wohlriechende Shitwolke, die allgegenwärtig scheint und mich wieder kurzzeitig nach Amsterdam beamt.

Aber nur sehr kurz, denn da sehe ich schon den Eingang. Und in Großbuchstaben steht über der breiten Glasfront und den ersten Ausstellungsstücken, vor einem roten Samtvorhang im Schaufenster: MUSEUM OF DEATH.
Wir gehen durch die blickdichte Tür in den Vorraum und bekommen einen ersten Eindruck von dem was uns erwartet, wenn wir unsere Tickets bei dem jungen Mann hinter Glas gelöst haben. Wir erwerben die Berechtigung durch die zweite Tür zu gehen in das Museum, aber wir haben auch einer Verpflichtung zugestimmt, nämlich nicht zu fotografieren.
Wir lassen uns auf den Deal ein.
Zwei Stunden Zeit haben wir für dieses Museum eingeplant und das müsste gut passen, denn es ist nicht besonders groß. Das Ende des Raumes ist bereits zu sehen und auf der anderen Seite geht es dann auch schon wieder raus. Aber hinten ist noch ein kleiner Vorführraum, da werden Filme auf die Leinwand projiziert. Das kommt allerdings später dran.
Es gibt verschiedene Sektionen mit unterschiedlichen Themengebieten.
Außer uns sind nur wenig andere Besucher hier. Es ist sehr still und wenn gesprochen wird, dann im Flüsterton.
Es beginnt relativ harmlos nachdem wir die zweite Tür durchschritten haben. Einige Tierskelette werden zur Schau gestellt, manche in Glaskästen, andere stehen so da. Dann gibt es auch Embryos und missgebildete Tiere in großen Einweggläsern zu sehen, in denen sie in einer Flüssigkeit für die Ewigkeit konserviert bleiben.
Die nächste Sektion widmet sich den Serienkillern.
Dieses Thema hat mich als Kind schon fasziniert. Ebenso Hexen und überhaupt das Unfassbare. Darüber besitze ich sogar ein Buch. Ein Buch über das „Unfassbare“. Es gehörte meinem Kumpel Oliver, aber ich habe ihn über Jahre genervt, ob er es mir nicht überlassen könnte. Ausleihen durfte ich es jederzeit und das habe ich auch oft genutzt, aber ich wollte es besitzen. Eines Tages, nach vielen Jahren, wir hatten nur noch selten Kontakt, da schenkte er es mir. Es liegt jetzt im Waterhole im Wohnzimmer bei den Bildbänden und anderen tollen Büchern im offenen Schrank. Ich sehe es jeden Tag. Reingeschaut habe ich seitdem nie wieder.
In dieser Sektion gibt es viel zu lesen, aber auch etliche Fotos werden präsentiert. Es geht unter anderem um John Wayne Gacy, der als Clown seinem pädophilen Trieb nachging, bevor er seine Opfer ermordete. Aber auch viele andere Killer werden vorgestellt und Zeitungsartikel und Tatortfotos werden gezeigt. Ich nenne nur einige Namen um die es hier geht: David Berkowitz,
Henry Lee Lucas, dem sogar ein Film gewidmet wurde (Henry – Portrait of a Serial Killer), Andrew Cunanan, Richard Ramirez und noch Viele mehr. Über Charles Manson wird in einer eigenen Abteilung ausführlich berichtet.
Was ist das für ein Leben, wenn man keine Empathie empfinden kann? Fassungslos und ohne Antworten gehen wir weiter. Ich denke wieder an Mike Horns Worte: „Der Mensch ist das schlimmste Tier!“
Ich will es kurz machen, einen Besuch ist dieses Museum in jedem Fall wert, wenn man etwas mit dem Thema anfangen kann und nicht ganz zart besaitet ist. Wir sehen echte Schrumpfköpfe, fiktive Schurken aus Comics und Filmen. Wir stehen vor „The Thanatron“, Jack Kevorkian’s Death Machine und noch vielen anderen skurrilen Ausstellungsstücken.
Was uns aber echt den Rest gibt und wo es auch für mich unerträglich wird, das ist der winzige Theatersaal, den man zwangsläufig durchquert, wenn man in den Restroom muss. Wir setzen uns kurz, um zuzuschauen was dort auf der Leinwand läuft. Es ist in schwarzweiß. Aber alles was hier gezeigt und besprochen wird ist echt. Dokumentationen von grauenvollen Unfällen werden gezeigt, abgefilmte Tatorte mit den leblosen Opfern. Oft sind Kinder involviert und nach wenigen Minuten verlassen wir den Saal um erstmal durchzuatmen.
Ich liebe den Nervenkitzel und mir machen die brutalsten Horrorfilme nichts aus, weil ich die Gewissheit habe, dass das alles Fiktion ist, was ich auf dem Bildschirm sehe. Ich will mich gerne erschrecken und auch gruseln. Aber ich will keine echten Unfälle sehen, geschweige denn die Verunglückten. Ich will auch keine Tatortfotos mehr sehen mit echten Opfern. Nicht auf Leinwand und auch nicht als Zeitungsartikel mit detaillierten Fotografien, wie in der nächsten Sektion. Dort erfahren wir, dass in den USA bis in die 70er Jahre noch Fotos von Unfallopfern in den Zeitungen abgebildet wurden, mit allen schrecklichen Details. Wir überspringen diese Ecke und finden auch die Abteilung äußerst befremdlich, die Fotos von toten Kindern zeigt. Das schien wohl zu einer bestimmten Zeit üblich gewesen zu sein, die verstorbenen Kinder in den üblichen Porträtposen fotografieren zu lassen, um sie sich eingerahmt auf den Kaminsims zu stellen.
Zum Ende gibt es wieder etwas leichtere Kost und wir verlassen nach gut zwei Stunden dieses Haus des Todes.
Weiter geht es runter an den Mississippi. Auf den Schrecken im MUSEUM OF DEATH könnte ich allerdings gut ein kaltes Bier vertragen. Gelegenheiten sich „Drinks to Go“ zu besorgen, gibt es überall. Da hier der Alkoholkonsum auf der Straße toleriert wird, geniere ich mich nicht, mit einer großen Bierdose in einer braunen Papiertüte, auf der Straße rumzulaufen. Unten am Fluss haben wir noch genug Zeit, uns auf einer Bank niederzulassen, auf den Mississippi zu schauen mit Blick auf den alten Dampfer und uns auszutauschen über das gerade Erlebte.

Ich trinke gemütlich meine Bierdose aus und dann stellen wir uns, mit als Erste, in die Schlange der wartenden Passagiere….
….für heute Abend habe ich mich extra in Schale geworfen. Abendgarderobe ist an Bord angesagt. Ich habe mir von Burke, der alten Saufnase, einen schwarzen Anzug besorgen lassen, ein weißes Hemd, schwarze Hose und passende Lackschuhe. Burke ist Mittags immer schon betrunken, obwohl, was heißt eigentlich schon? Wahrscheinlich ist er nach dem Frühstück noch nicht mal nüchtern. Vermutlich ist er seit Jahren nicht einen verdammten Tag nüchtern gewesen, aber er ist verlässlich. Darauf kommt es an. Was er zusagt, das hält er. Egal was ich von ihm will, egal wann ich ihn brauche, er ist stets zur Stelle und er vergisst nie etwas. Niemals.
Ich bin relativ weit vorne in der Warteschlange, denn ich will rechtzeitig an Bord sein. Zeit gewinnen, um nach der Pistole zu suchen. Sie wird in einem der Washrooms in irgendeinem Spülkasten der Toilette versteckt sein.
Ich bin ganz alleine hier unter vielen Paaren. Und ich bin nicht weiß wie alle Anderen. Ich merke wie Blicke mich treffen und höre wie leise getuschelt wird über mich. Über den Fremden, über den, der hier nicht hergehört….
….wir rücken weiter auf und kommen der Gangway näher. Etwas weiter vorne in der Schlange checkt das Bordpersonal die Eintrittskarten. Wir schauen uns die anderen Gäste an. Wer steht da vor uns und wer hinter uns in der Reihe? Auch wir werden beäugt. Ist schon interessant mit wem man sonst noch so einen Abend auf dem Mississippi verbringt. Die ersten Passagiere sind bereits auf dem Weg an Bord und wir kommen dem Kontrollpunkt immer näher….
…. „Sir, dürfte ich bitte ihre Karte sehen?“, werde ich unvermutet von hinten angesprochen. Ein Offizieller vom Bordpersonal spricht ausgerechnet mich an. Niemanden vor mir in der Reihe und auch niemanden hinter mir.
Warum auch, alle anderen sind weiß.
Ich bin auch hierauf vorbereitet. „Selbstverständlich.“, sage ich höflich und händige meine Einladung diesem Drecksack aus.
Dann sage ich noch mit einem Lächeln im Gesicht und mit freundlichen Worten: „Wenn Sie Sir, irgendetwas auszusetzen haben an meinem Einladungsschreiben, dann werden Sie Sir, von meinen einflussreichen Freunden an Bord einen gehörigen Arschtritt bekommen!“
Er glotzt mich verdutzt an. Ich setze flüsternd nach. „Wenn Sie bescheuerter Hinterwäldler nicht wissen, wer ich bin, dann Gnade Ihnen Gott! Und wenn ich jetzt nicht unverzüglich an Bord komme, dann schneide ich dir deine verdammten Eier ab und serviere sie den Krokodilen in dieser dampfenden Mississippi-Brühe.“
„Bitte entschuldigen Sie Sir, ich habe Sie nicht gleich erkannt.“,stammelt er vor sich hin, wie ein kleiner Schuljunge, der vor Lyndon B. Johnson steht.
„Kommen Sie Sir, bitte folgen Sie mir, ich bringe Sie unverzüglich an Bord…..“
Nachdem wir eingecheckt sind und unsere Plätze eingenommen haben an Bord des „City of New Orleans“ Schaufelraddampfers, bestelle ich mir erstmal ein kleines Bier. Ich habe nur ein leichtes T-Shirt an und muss mit Erschrecken feststellen, dass hier die Aircondition auf Hochtouren läuft, obwohl es draußen doch schon recht kühl ist. „Fuck!“, sage ich zu Jutta, „hätte ich mir bloß mal einen Pulli mitgenommen.“ Aber jetzt ist es zu spät, frierend starte ich in den Abend zu dieser Dinner Tour.

Die anderen Gäste rücken langsam nach und wir beobachten, wer alles so Platz nimmt auf unserem Dinner Deck. Das Buffet sehen wir vorne schon und die Band hat zu spielen begonnen.
„Bevor die Suppe serviert wird, gehe ich mal kurz in den Washroom!“, sage ich zu Jutta…
…vor dem Washroom stehen bereits zwei Typen. Ich stelle mich an dritter Stelle an.
Einer von den Beiden erzählt dem Anderen offensichtlich gerade einen Witz: „….und die gute Fee sagt zu den Dreien, die nebeneinander am Tresen stehen, das jeder einen Wunsch frei hat.“ „
Was wirklich?“, fragt der Mexikaner.
„Ja, aber sicher, nur zu, wünsch dir etwas.“
Der Erzähler muss jetzt schon fast laut loslachen, hält aber an sich.
„Ok.“ sagt der Mexikaner, „dann wünsche ich mir, dass alle meine mexikanischen Brüder und Schwestern und alle meine Landsleute zurück in Mexiko sind und dort ein unbeschwertes und glückliches Leben führen können.“
Die gute Fee sagt: „So sei es!“
„Und nun du, mein schwarzer Freund, was wünscht du dir denn?“, spricht die gute Fee.
Der Schwarze antwortet, „Gute Fee, ich wünsche mir, dass alle meine Brüder und Schwestern und alle Farbigen mit mir in mein geliebtes Afrika zurück können, um dort ein glückliches und unbeschwertes Leben zu führen!“
„Dein Wunsch sei dir gewährt, mein lieber Freund.“, sagt die gute Fee dem schwarzen Mann zugewandt.
„Und du, Cowboy?“, sagt sie zu dem Amerikaner, „was ist dein Begehr?“
Der Amerikaner spricht: „Habe ich das richtig verstanden, alle Nigger sind wieder in Afrika und die Bohnenfresser sind alle zurück nach Mexiko?“
„Aber ja“, sagt die gute Fee, „sieh nur, wir sind nur noch zu zweit hier am Tresen.“
Der Amerikaner überlegt kurz und sagt, „Ok, dann hätte ich gerne eine Coke!“
Der Erzählende prustet lauthals los und kann sich kaum halten vor Lachen, der andere stimmt in das Gelächter mit ein.
Sie bemerken mich und sind sichtlich irritiert, versuchen aber sich nichts anmerken zu lassen. Verkrampft setzen sie ihre Unterhaltung fort: „Ach wie schön, Jean geht es wieder besser. Bitte richte ihr meine herzlichsten Genesungswünsche aus…“
Ich warte geduldig, bis erst der Eine und dann der Andere sein Business erledigt hat. Jetzt bin ich dran. Ich schließe die Tür hinter mir und öffne den Spülkasten der Toilette. Bingo. Sofort ein Treffer. Die Knarre ist mit Klebeband unter der Spülkastenabdeckung befestigt. Es ist eine österreichische Glock 17. Damit kann ich gut leben. Das ist eine Präzisionswaffe mit siebzehn 9 mm Patronen im Magazin. Ich will allerdings versuchen mit nur einer Patrone auszukommen. Normalerweise brauche ich den Rest der Patronen für die Leibwächter und Unvorhergesehenes. Ich habe bereits mehrfach mit dieser Pistole gearbeitet. Sie besteht nur aus 33 Komponenten. Und schon Henry Ford sagte: „Was nicht da ist, das kann auch nicht kaputt gehen.“
Ich verstecke die Glock links in meinem Hosenbund unter dem Jackett. So, dass sie nicht zu sehen ist und ich sie trotzdem gut greifen kann. Dann verlasse ich den Washroom und begebe mich auf das Oberdeck, wo der korrupte Stadtrat gerade seine Rede hält…
…und wenn mir der Witzbold von eben noch mal über den Weg läuft, dann…., na dann werde ich es sein, der was zu lachen hat…
…ich komme gerade rechtzeitig zurück, als die Vorspeise, das Gumbo serviert wird. „Noch ein Bier bitte!“, rufe ich unserem Kellner hinterher.
Er dreht sich kurz um und nickt lächelnd.
Der Saal ist gut gefüllt und das Buffet ist offen. Am Tisch neben uns haben sich zwei junge Damen in schicker Abendgarderobe niedergelassen. Sie trinken exotische und sündhaft teuer aussehende Cocktails und sie sind ohne Gumbo sofort zum Buffet marschiert. Ich wollte gerade noch sagen: „He, wartet doch erst mal die Vorspeise ab, die wird am Tisch serviert.“ Aber da waren die Beiden schon unterwegs. Mit voll bepackten Tellern kommen sie zurück an ihren Tisch, der ziemlich klein ist. Unglücklicherweise stößt die eine von den beiden Ladies ihren Cocktail um.
Frustriert läuft sie zur Bar, um sich einen neuen sündhaft teuren Cocktail zu holen. Als sie zurück kommt, dürfte ihr Dinner bereits kalt geworden sein.
Wir genießen unser Gumbo und holen uns danach etwas Hühnchen, gebratene Kartoffeln und grüne Bohnen vom Buffet. Nach dem halbwegs köstlichem, südstaatlichem Essen, gehen wir nach draußen, weil es im Innenbereich durch die Aircondition viel zu kalt ist.
Wir wollen die Skyline sehen und gehen auf das Oberdeck….

….da steht der Schnösel und hält seine Rede und die Leute lauschen gebannt seinen Worten. Darum falle ich niemandem auf, alle hängen an seinen Lippen, glauben seinen Lügen. Er sieht so dümmlich aus in seinem marineblauem Jackett. Die blonde Haarsträhne seines Scheitels flattert im Wind. Sie wurde gut frisiert vor diesem Auftritt, doch für den Wind an Deck dieses Dampfers können die Maskenbildner und Wahlstrategen auch nichts. Er haut den Leuten seinen Dünnschiss um die Ohren und sie klatschen Beifall. Sie klatschen Beifall. Was ist aus dieser Welt geworden? Er hebt seine beiden Arme und wiegt sie langsam auf und ab, um den Beifall zu beschwichtigen. Überheblich und arrogant steht er da oben an seinem Rednerpult, der Beifall ebbt ab. Was ist, wenn dieser Irre Gouverneur wird? Was ist, wenn dieser Verrückte danach noch andere Ambitionen hat? Wenn er Präsident der Vereinigten Staaten werden will. Das kann selbstverständlich niemals geschehen, denn so dumm sind die US Bürger nicht. So dumm sind sie doch nicht.
Aber was, wenn doch?
Was geschieht, wenn dieser Psychopath eine Mehrheit der Stimmen erhält?
Dazu wird es niemals kommen, denn ich werde meinen Job erledigen. Ich muss nur einen guten Platz finden, um unbemerkt meine Glock aus dem Hosenbund zu ziehen, um unbeobachtet einen guten Schuss abfeuern zu können…. oben auf dem Oberdeck…
…da ist die Aussicht besonders beeindruckend. „Schau mal, die Brücke da hinten, da sind wir drüber gefahren als wir nach New Orleans gekommen sind.“, sage ich zu Jutta. „Und jetzt schippern wir auf dem Mississippi unter dieser Brücke durch und hören live eine Jazzband. Ist das nicht fantastisch?“

Jutta stimmt mir zu und wir sprechen über die weiteren Reisepläne. Memphis ist nicht mehr Thema, denn auf Schnee, Winter und eisige Kälte haben wir beide keine Lust mehr. Graceland wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Aber das Coven House und die Whitney Plantation, das ist jetzt aktueller denn je. Aber noch genießen wir die Raddampferfahrt, obwohl mir auch hier an Deck, durch den Fahrtwind, echt kalt ist. Wir sitzen dicht nebeneinander auf einer Bank und teilen uns Juttas Jacke. Sie ist mit dem rechten Arm im Ärmel, ich mit dem Linken. So kann man es aushalten, ich …
….suche mir eine gute Schussposition. Ich verberge mich in einer Nische, hinter zwei Pfosten, unter einem weiteren Deck über mir. Und da alle Passagiere gebannt auf den arroganten Schnösel hinter dem Rednerpult blicken, falle ich niemandem auf. Kein Mensch bemerkt, wie ich meine Glock 17 aus dem Hosenbund ziehe und in Richtung des Rednerpults ziele. Alle Blicke sind nach vorne gerichtet, niemand sieht mich, den Schwarzen, den Farbigen, den Ausgestoßenen. Niemand sieht mich…..Ich warte nur auf den geeigneten Augenblick, muss die Lücke erwischen zwischen den verblendeten Anhängern dieses Großmauls von Stadtrat. Diesen Bullshit King.
Ich drücke ab.
Personen schreien, jemand mit marineblauem Anzug hinter dem Rednerpult stützt leblos zu Boden, Menschen rennen wild durcheinander. Einige Personen springen über die Reling von Bord, in den von Krokodilen verseuchten Fluss.
Ich renne die Treppe hinunter, eine Etage tiefer, um Abstand zwischen mich und dem Tatort zu bringen. Obwohl das Chaos wohl so groß sein dürfte, dass sich im Augenblick niemand auf mich konzentriert. Aber morgen in den Zeitungen, dann wird davon berichtet werden, wer für diesen Anschlag verantwortlich ist. LINCOLN CLAY.

Ich lege Feuer im Maschinenraum des Dampfers, um Zeit zu gewinnen und die Aufmerksamkeit noch weiter von mir wegzulenken. Je mehr Chaos ich stifte, desto besser kann ich untertauchen.
Da sehe ich den Witzbold von vorhin, als wir zu dritt vor dem Washroom gewartet haben. Er kommt mit angstverzerrtem Gesicht auf mich zu gelaufen, ohne mich zu sehen. Alle laufen hier schreiend durcheinander, niemand achtet jetzt auf den Schwarzen an Bord. darum gönne ich mir nun einen kleinen Witz.
„Hey du!“, rufe ich ihm zu. Schockiert kommt er direkt vor mir zum Stehen. Er realisiert in diesem Augenblick wer ich bin. „Ich kenne auch einen guten Witz!“, sage ich ihm grinsend ins Gesicht.
„Willst du ihn hören?“, frage ich und nicke dabei, weil ich seine Antwort bereits kenne.
„Neeeiiiiiiin!“, heult er und jammert….“biiittte….“
Niemand beachtet uns, alle laufen durcheinander, immer noch springen Leute in feinen Anzügen von Bord. Das Feuer lodert von unten immer weiter nach oben. Die Personenschützer haben wohl begriffen, dass sie Feierabend machen können. Es gibt niemanden mehr zu schützen. Einige Männer vom Bordpersonal lassen Rettungsboote zu Wasser und Damen in teuren Kleidern klammern sich kreischend aneinander.
Ich ziele mit meiner Glock direkt zwischen seine Augen. In diesem Moment gibt es nur ihn und mich. Alles Andere um uns herum läuft in Zeitlupe ab. Es gibt auch keine Geräusche mehr, kein Geschrei, kein Feuer, kein Getöse im Wasser, keine Hilferufe. Es gibt keine Farben mehr, kein Blut. Alles ist schwarzweiß.
Ich sage: „Ich mag keine Coke, ich bevorzuge Pepsi.“ Dann drücke ich ab.
Auch ich springe in den Fluss, kopfüber. Menschen schreien, werden gefressen von den Krokodilen. Ich rechne mir meine Chancen aus. Wenn ich schnell schwimme, dann steigen die Überlebenschancen. Es sind auch jetzt schon mehr Menschen im Fluss als Krokodile. Es müsste mit dem Teufel zugehen, sollte ich nicht entkommen…
Ich schwimme schnell und….
…bewundere die Skyline. Die Band spielt Dixie und wir genießen die Fahrt auf dem Mississippi. Ach, was ist New Orleans doch für eine wundervolle Stadt. Sie wird für lange Zeit in unserer Erinnerung verbleiben. Doch ich…

….kann entkommen.
…werde spätestens im Herbst wieder zurückkehren.
Nach einem fantastischen Abend auf dem Dampfer, bummeln wir durch das Quarter zurück zum Auto. Einmal kehren wir auf dem Weg noch ein, um alle Eindrücke ein wenig sacken zu lassen und dann geht es gemütlich nach Hause.
Jetzt heißt es leider schon wieder: Abschied nehmen. Ohne ein einziges Mal in den Pool gesprungen zu sein auf diesem RV Stellplatz, verlassen wir das French Quarter und machen uns auf den Weg zum Coven House. Das dürfte lediglich interessant sein für Freunde der Serie „American Horror Story“, in der jede Staffel ein neues Thema hat und für sich alleine steht. „Coven“ ist eine relativ frühe Staffel, vielleicht die Dritte oder Vierte, ich weiß nicht mehr genau. Es ist eine gute Staffel. Keine von meinen Favoriten, aber es gibt auch Schlechtere.
Um zum Haus zu gelangen fahren wir quer durch New Orleans und bekommen noch ganz andere Einblicke, als nur die vom French Quarter. Es geht durch schicke Wohnviertel und auch durch sehr ärmliche Ecken. Die Villen weichen den kleineren Häusern, die teuren Autos werden weniger und die alten Kisten nehmen zu. In den Vorgärten ist zusehends mehr Gerümpel als grüner, frisch gemähter Rasen zu sehen. Das Bild wandelt sich sehr schnell, als wäre eine klare Linie zwischen Arm und Reich.
Das Coven House scheint des Öfteren für Dreharbeiten genutzt zu werden. Denn obwohl die Staffel längst abgedreht ist, sind große Scheinwerfer auf stabilen Stativen vor dem Haus im Garten aufgebaut. Es ist alles in durchsichtiger Plastikfolie verpackt, falls es regnen sollte. Ich parke nur kurz vor dem Haus, direkt an der Straße und schieße ein paar Fotos. Auf dem Bürgersteig kommt ein junges Pärchen um die Ecke, mit suchendem Blick. Ich nehme an, sie kommen aus dem selben Grund wie wir. Im Rückspiegel sehe ich noch, wie sie das Haus mit ihren Handys aufnehmen.

Für uns heißt es nun endgültig „Good Bye New Orleans!“, denn es geht weiter zur Whitney Plantation.
Die wundervolle Mississippi Metropole bleibt hinter uns zurück und wir fahren durch die Sümpfe von Louisiana. Manchmal ist es nur eine schmale Straße und links und rechts daneben befindet sich ein ausgedehntes Sumpfgebiet. Ein oder zweimal überqueren wir noch den Mississippi und ich freue mich darüber, weil ich gerne über diese amerikanischen Brücken fahre. Man kann fast den Eindruck bekommen, ganz Louisiana sei ein einziger Sumpf, was natürlich nicht der Fall ist. Aber die Gebiete durch die wir kommen, erinnern mich häufig an New Bordeaux und wie ich als Lincoln Clay dort die Gegend unsicher mache.
Sehe ich ein Haus an einem Flusslauf und ein Boot im Wasser liegen, dann möchte ich es mir einfach nehmen und damit in die endlosen Sümpfe fahren, dem Sonnenuntergang entgegen…
…wie ich es so oft schon gemacht habe. Es ist allerdings nie bei einer entspannten Bootstour geblieben, denn ich hatte immer andere Absichten. Mal will ich einen LKW mit einer Ladung selbst gebrannten Schnaps klauen oder eine große Menge an Drogen ist das Ziel meiner Begierde.
Manchmal befreie ich auch einen Gefangenen. Dabei geht es nie ohne Schusswechsel ab und einer Menge Leichen. Aber Dank meiner Verbündeten ist der Nachschub an Waffen und Munition stets gesichert. Ich muss genau planen, wie ich vorgehe und mir eine Strategie überlegen, einen Großteil der Feinde auszuschalten, ohne die Aufmerksamkeit aller Anderen zu erregen. Denn diese versteckten Schnapsbrennereien und Drogenküchen werden extrem gut bewacht. Ich habe immer eine lautlose Pistole mit Schalldämpfer dabei und meistens eine kompakte Schnellfeuerwaffe. Sogar mit dem Wurfmesser bin ich nicht schlecht und im Nahkampf macht mir keiner was vor. Sollte allerdings einer der Wachtposten Alarm schlagen, dann ist die Kacke am dampfen. Dann muss ich zusehen, das ich nicht in die Zange genommen werde. Gelegentlich schleiche ich mich von hinten an und drehe dem nichtsahnenden Gangster den Hals um. Das geht schnell und ist sehr leise. Aber am liebsten ziele ich mit der schallgedämpften Waffe aus dem Hinterhalt auf den Gegner und dezimiere die ganze Bande. Wenn das erledigt ist, geht es mit dem Schnapslaster zurück in die Stadt, um die Ladung abzuliefern, gegen Bares versteht sich. Oder es geht aufs Boot, rüber über den Fluss zum zuvor abgestellten Auto und wieder auf die Straße durch diese endlosen Sümpfe…., diese Sümpfe und die zwitschernden Vögel, die Kröten die anfangen zu quaken, nachdem die Sonne verschwunden ist. Oh ja, diese Sümpfe, die sind einzigartig…
Mit einem Blick aus dem Augenwinkel bin ich immer auf der Suche nach einem Krokodil, aber die Biester sind schwer zu erkennen aus dem fahrenden Wagen. Nach einer ganzen Weile kommen wir raus aus den Sümpfen und nähern uns der Plantage.
Ich parke LEMMY auf dem großen Parkplatz und wir sind heilfroh, dass nur so wenige Autos hier stehen. Das bedeutet, wir werden mit nur wenigen Anderen dieses besondere Erlebnis teilen, an einem sonnigen Tag.
Die Whitney Plantation ist ein Open Air Museum und eine Gedenkstätte zugleich. Es geht um den transatlantischen Sklavenhandel (TAST) in Louisiana von 1719 – 1865.

Gegründet wurde diese Indigo Farm von dem deutschen Emigranten Ambroise Heidel (später Haydel), der mit einigen Geschwistern nach Amerika kam. Über viele Generationen wurde dieser Familienbetrieb weiter geführt, bis zum Tod von Marie Azélie Haydel.
Die Versklavung von amerikanischen Ureinwohnern und den ersten gefangenen Afrikanern (die 1719 mit zwei Schiffen von der westafrikanischen Küste, Louisiana erreichten), brachten den Haydels enormen Reichtum. Sie profitierten von den Kenntnissen der Westafrikaner im Reisanbau. Später wurde die Haupteinnahmequelle allerdings der Anbau und die Verarbeitung von Zuckerrohr.
Für 50 Dollar bekommen wir zwei Eintrittskarten und für jeden einen Audioguide. Dazu gibt es noch eine Faltkarte auf der die 14 Stationen dieser Rundtour verzeichnet sind. Gemeinsam begeben wir uns auf den Leidensweg der Sklaven. Als erstes sehen wir eine kleine Kirche, doch da dies die Nummer 14 ist, gehen wir daran vorbei, um mit der Nummer 1 zu starten. Wir sind hier auf einer großen Farm mit vielen Gebäuden. Zu jeder Station drücken wir die entsprechende Nummer auf unserem Audioguide und werden mitgenommen auf eine Tour in eine uns völlig fremde Welt, in die Welt der Sklaverei.

Ich kenne das nur aus dem Fernsehen, als ich noch ein Kind war. Es gab damals nur 3 Programme und auf einem davon lief die Serie „ROOTS“, deren Hauptperson Kunta Kintewar. Um diesen Jungen drehte sich die Familientragödie und schon als Kind konnte ich Ungerechtigkeit nur schwer ertragen. Ich wusste, obwohl ich Kind war und obwohl es eine Fernsehserie war, dass das was ich da auf dem Bildschirm sehe echt ist. Ich wusste, das ist so oder so ähnlich passiert. Inzwischen als Erwachsener weiß ich natürlich gut Bescheid. Trotzdem gibt es einen riesigen Unterschied zwischen theoretischem Wissen über die Sklaverei und dem realen Erleben am Ort des Geschehens.

Wir kommen an das große Herrenhaus und von vorne wirkt es ganz schön beeindruckend und auch der Garten dahinter kann sich sehen lassen. Doch geht man hinein, stellt man schnell fest das alles bloß Fassade ist. Das Haus hat keine Tiefe.

Es diente auch im Film „Django, Unchained“ als Kulisse für ein außergewöhnliches Tarantino Meisterwerk. Aber eben nur die Fassade, alles was sich innen abspielt, wurde im Studio gedreht.
Wir sehen die Behausungen der Sklaven, die des Aufsehers und die rostigen, eisernen Käfige in die die Sklaven gesperrt wurden, nachdem sie bei irgendwelchen Vergehen erwischt wurden. Das alles ist ein Schlag in die Magengrube. Es nimmt uns mit und wir gehen beide diesen Weg, aber wieder mal Jeder für sich. Auf dem Gelände sehen wir bronzene Figuren, the Children of Whitney (Skulpturen von Woodrow Nash). Es sitzen zum Beispiel Kinder auf der Veranda und ich setze mich daneben und höre aus dem Audioguide, wie schnell die Kindheit auf so einer Sklavenplantage endete.

Wir erfahren unter welchen unmenschlichen Bedingungen die Sklaven arbeiten mussten und was mit ihnen geschah, sollten sie bei der Flucht erwischt werden.
Beim ersten Fluchtversuch, wurde ihnen mit einem heißen Eisen eine Lilie auf die rechte Schulter gebrannt und beide Ohren wurden abgeschnitten. Beim zweiten Mal wurde die Lilie auf die andere Schulter gebrannt und die Achillessehnen wurden durchtrennt. Wer es trotzdem ein drittes Mal probierte und erwischt wurde, der verlor seinen Kopf.
Auch an den Köpfen kommen wir vorbei. Nach dem größten Sklavenaufstand im Jahr 1811 wurden sehr viele von ihnen hingerichtet. Unter ihnen auch der Anführer Charles Deslondes

Wir betrachten diese aufgespießten Köpfe im Sitzen von einer Bank aus. Allerdings sind diese Köpfe eine Kunstinstallation, trotzdem ist es wie ein Schlag in die Magengrube. Es sind mehrere Reihen aufgespießter Köpfe mit weißen Bandanas, weiter vorne in der Reihe sind auch welche mit roten Bandanas, die Anführer, auch Charles Deslondes.
Die auf Pfählen aufgespießten Köpfe dienten zur Abschreckung.
Charles Deslondes wurde nach der Gefangennahme gefoltert und bei lebendigem Leib verbrannt.
Ihm wurden einige Aufstände zur Last gelegt und er sorgte dafür, dass Andere seinem Beispiel folgten und sich gegen die Herren auflehnten.
Irgendwann waren die Tage der Sklaverei gezählt. Doch die Herren, die sich am Leid der Unterdrückten bereicherten, waren damit überhaupt nicht einverstanden. Sie entwickelten Strategien und Schlupflöcher, um ihre Profitgier weiter zu stillen und die ehemaligen Sklaven an sich zu binden. So bauten die Herren einen Laden auf, in dem die Sklaven dann einkaufen konnten. Das war zum einen eine nette Abwechslung für die Sklaven. Zum anderen konnten sie sich von dem Geld, das sie nun bekamen, etwas Luxus leisten. Doch der Gedanke der Herren dahinter war infam. Es wurde auf Kredit eingekauft und alles wurde fein säuberlich in ein Büchlein eingetragen. Was wurde gekauft, wann und wie viel wurde gekauft?
Und da die Sklaven in der Regel weder lesen, schreiben, geschweige denn rechnen konnten, wurde das Büchlein immer dicker und die Schulden immer höher.
Bis 1975 wurden die letzten Sklaven auf der Haynes Plantation beschäftigt, um ihre Schulden abzuarbeiten. Nur nannte man sie jetzt nicht mehr Sklaven.
So kommen wir von einer Gedenkstätte zur nächsten und das Leid und die Not dieser Menschen und die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist, wird körperlich spürbar.

Da kommt eine kleine Schildkröte am nahegelegenen See gerade rechtzeitig, um uns kurz aus diesem Albtraum herauszuholen. Wir atmen tief durch und machen eine kurze Pause mit dem Audioprogramm, doch dann geht es auch schon weiter.
Bevor wir zur Kirche und dem Endpunkt kommen und diese bedrückende und zugleich beeindruckende Gedenkstätte verlassen, sehen wir noch die Marmortafeln mit den Namen von 107 000 versklavter Menschen aus Louisiana, sehen Portraits von Kindern und Auszüge aus Interviews. Niemals soll in Vergessenheit geraten, was sich hier und vielerorts abgespielt hat. Gwendolyn Midlo Hall hat diese Namen zusammengetragen (Louisiana Slave Database 1719 – 1820).

Die „Wall Of Honor“, eine andere große Granittafel, ist allen Sklaven gewidmet, die auf der Haynes Plantage gearbeitet und gelebt haben. Dort ist verzeichnet, soweit bekannt, wie lange sie gelebt haben, welche Tätigkeit sie ausgeübt haben und mit wem sie liiert und/oder verwandt waren.

Besonders wichtig ist es John Cummings, dem Gründer dieses Museums, dass diese Gedenkstätte keinen Hass oder Groll erzeugen soll. Es soll zum Nachdenken anregen, es soll aufklären und es darf NIEMALS in Vergessenheit geraten, was sich damals zugetragen hat.

Als Eintrittkarte haben Jutta und ich ein kleine Karte bekommen, die man sich um den Hals hängen kann. Es ist die Identität von einem Sklaven. Jutta ist als CHRIS FRANKLIN unterwegs gewesen, ich bin als PETER BARBER unterwegs gewesen.
In uns gekehrt und nachdenklich verlassen wir die Whitney Plantage.

Wir verlassen auch diesen Staat, da vorne kommt das TEXAS WELCOME Schild in Sicht. Ich fahre daran vorbei, ohne Eile. Nicht so wie Kowalski in „Fluchtpunkt San Francisco. Er hat es immer eilig, denn ihm ist die Polizei auf den Fersen. Er will einen Rekord aufstellen. Mit seinem 1970er Dodge Challenger R/T rast er von Denver/Colorado bis nach Frisco/Kalifornien. Er will die gesamte Strecke in 15 Stunden zurücklegen, 1252 Meilen. Jede Sichtung seines Dodge wird an das Radio gemeldet und vom Radiomoderator und einem Großteil der Bevölkerung wird er gefeiert. Mit seinem Rekordversuch sorgt er für eine Menge Wirbel. Tatsächlich wirbelt er oft eine Staubwolke hinter sich auf, um den Cops zu entkommen.
Ich fahre weiter, ohne Eile. Mein Blick wandert wehmütig rüber zum Rückspiegel.
„Bye bye NOLA, bye bye Lincoln Clay. Du bist gefangen in Louisiana. Du wirst diesen Staat nie verlassen. Aber ich werde zurück kommen. Spätestens im Herbst, wenn das Laub von den Bäumen fällt und es ungemütlich weht da draußen. Dann sehen wir uns abermals. Dann werde ich wieder lange Nächte in New Orleans verbringen, besser gesagt in New Bordeaux. Dann sorgen WIR für mächtig Wirbel in den Hinterhöfen und in den Sümpfen von Louisiana. Dann mische ich das ganze falsche Pack in dieser versifften Stadt auf, mit Lincoln Clay……., als Lincoln Clay.“
…und was als nächstes geschieht…
CHAPTER V – Durch Texas nach New Mexico und von extraterrestrischem Leben in Roswell und einer UFO Sichtung über Santa Fe…

Du hast das Thema Langzeitreise meines Erachtens sehr gut beschrieben. Ich kann deine Ausführugen in vielen Punkten bestätigen. Auf unserer Afrikatour haben wir es fast genau so erlebt und gefühlt. Leider ging diese Reise nach 9 Monaten „schon“ zu Ende und wir kamen zurück in die „Waterhole-Welt“. Erst hier haben wir richtig realisiert wieviel dieses Leben im Auto uns gegeben hat. Diese Sehnsucht zurück nach diesem Leben ist geblieben…
Genießt die verbleibende Zeit!
Viele Grüße aus Weyhe 😉