Chapter 14 – Ein kurzes Zwischenspiel

Am 17.12.2021 kommen wir im Dunkeln, erschöpft von der langen Fahrt am Waterhole an. Ich parke LEMMY in der Einfahrt. Wir räumen noch das Bettzeug aus dem Auto und dann betreten wir unser Zuhause nach vielen Monaten Reisezeit. Es ist ein merkwürdiges Gefühl wieder hier zu sein, aber auch nicht so ganz anders, als wenn wir von einer fünfwöchigen Sommerreise zurückkehren.

Damit hatte ich früher richtig Probleme, mit dem nach Hause kommen. Besonders wenn es von meinem Lieblingskontinent Asien zurückging. Da fing die depressive Stimmung spätestens nach der Landung am Bremer Flughafen an und manchmal musste ich mich dann eine Weile in meiner Garage zurückziehen.

Die gleicht mittlerweile einem zweiten Wohnzimmer. Ich habe sie aufwendig hergerichtet mit Tapeten, Teppichen auf dem gefliesten Boden und einem Bierkühlschrank, einer Bar und natürlich einer Musikanlage. Jetzt freuen wir uns über zwei Welcome Drinks von den weltbesten Nachbarn. Ein DMAX Offroad Bier und ein Becks Lemon Brew für Jutta. Die Post liegt schön gestapelt und geordnet auf dem Küchentisch und alles ist sauber und ordentlich. Ohla hat sogar vorher noch kurz durchgelüftet, denn sie wusste, dass wir kommen. Große Klasse! Das mit der Ordnung soll sich ab morgen ändern. Dann werden überall Wäscheberge rumliegen, weil Jutta alle Klamotten aus dem Auto waschen will, egal ob getragen oder ungetragen.

Willkommensgruß 🙂

Ohla und Carsten geben uns Zeit zum Ankommen und die brauchen wir auch. Nach einem Blick durch die Post geht es nur noch ins Bett. Gegessen haben wir schon in Hannover auf einem Parkplatz bei Mc Donalds. Und wie es meine Gewohnheit ist, tanke ich auch in Hannover Garbsen immer voll, wenn wir hier auf der Rückreise durchkommen. Denn es ist immer etwas günstiger als bei uns in Syke. Vor dem Zubettgehen haben wir uns noch zurückgemeldet bei Juttas Eltern und bei Heinz und verabreden in den nächsten Tagen vorbeizukommen.

Langsam lichten sich die Wäscheberge und wir haben uns akklimatisiert.

Allerdings gibt es auch noch einiges zu tun. Die Boosterimpfung für uns beide steht an. Von Sabine und Frank (den Nachbarn von Heinz, die auch immer ein wachsames Auge auf ihn haben und sich ganz toll kümmern) erfahren wir von einer Syker Ärztin, die vormittags ohne Anmeldung impft. First come, first serve. Da das aber nur bis 12.00 geht und man vielleicht länger im Kalten anstehen muss, ist mir das zu früh und zu kalt. Ich gehe ja immer spät ins Bett und komme dann morgens nicht so früh hoch. Jutta, die sowieso meistens eher auf ist als ich, lässt sich dort impfen. Sie hatte ja von unterwegs bereits online einen Termin in Wischhafen für uns beide gebucht. An dem will ich nun festhalten.

Außerdem war ich etwas voreilig mit dem Volltanken in Hannover, denn wir haben ganz vergessen, dass der Fahrzeugtank für die Verschiffung nur bis zu einem Viertel voll sein darf. Ist aber nicht so schlimm, denn mein Jeep ist abgemeldet und ich muss schon noch Einiges erledigen und dabei brauche ich ein Auto, was ich dann gut mit LEMMY machen kann.

Vorher ist aber noch Weihnachten mit Juttas Eltern, Sonja und Lars und natürlich auch mit Heinz. Wir wollen uns mit unseren Freunden treffen. Mit Immi und Erdal möchten wir gerne Silvester verbringen, da ist es immer so schön gemütlich am Kamin und wir spielen dann gerne was zusammen und Immi bereitet köstliches Essen zu. Zwischen den Feiertagen wollen wir MTV zu uns einladen, aber bei Torre auf der Arbeit sind ganz viele Corona- positiv getestet. Wir telefonieren zusammen und verschieben erst mal, denn das Risiko ist uns eigentlich zu hoch. Deshalb wird Jutta und mir klar, das können wir nicht machen. Wir gefährden wohlmöglich unseren Flug. Am nächsten Tag sagen wir ab. Mit unserer Freundin Sonja wollen wir allerdings einen ausgedehnten Spaziergang machen, aber auch dazu wird es nicht kommen. Ohla und Carsten haben wir für den 27.12. zu uns zum Essen eingeladen. Wir wollen uns wenigstens etwas revanchieren fürs Haus hüten, Post empfangen und was sie sonst noch alles für uns machen. Der Termin steht.

Weihnachten rückt immer näher und vorher wollen wir nicht noch groß was abarbeiten von unserer „To do“- Liste, das kann alles warten bis nach Weihnachten. Die wichtigsten Termine sind der 6. Januar (da muss LEMMY nach Hamburg in den Hafen gebracht werden, damit er am 10. Januar auf die Atlantic Star verladen werden kann) und natürlich der 14. Januar, an dem wir dann abfliegen werden zum zweiten Teil unserer großen Reise.

24.12.2021

Heiligabend ist da. Um 18.00 Uhr treffen wir uns alle bei Horst und Renate. Sonja und Lars sind meist die Ersten, dann trudeln wir ein und zuletzt kommt Heinz dazu. Es gibt fast immer Raclette und Jeder bringt was mit und bereitet etwas zu. Ich mache gerne gebratene Champignons und mit Salz, Pfeffer und Knoblauch marinierte, gebratene Zucchini. Jutta macht gerne Kräuterbutter selber und mariniertes Hühnchen, dann noch Rucola-Tomatensalat mit Parmesan, Cranberrys und Walnüssen. Die vegetarischen Leckereien bringen Sonja und Lars mit.

Aber dieses Jahr sind wir freigestellt von irgendwelchen Vorbereitungen, denn sie freuen sich alle sehr, dass wir überhaupt gekommen sind. Es war ja nicht ganz sicher, ob wir an Weihnachten zurück sind. Vieles hing ja vom weiteren Verlauf unserer Reise ab. Aber als die USA am 8. November verkündet hat die Grenzen zu öffnen, da war es auch für mich klar: Wir fahren zu Weihnachten zurück ins Waterhole.

Der Ablauf ist auch immer derselbe. Zuerst ist Bescherung und es werden die Geschenke ausgepackt. Jutta und ich schenken uns dieses Jahr nichts, die Reise ist unser größtes Geschenk. Horst und Renate bekommen oft Karten fürs Theater und Heinz liebt es zu puzzeln und neuerdings findet er auch großen Gefallen an dicken historischen Romanen. Da müssen wir nicht lange überlegen. Nachdem dann jeder seine Gaben bekommen hat, geht es ans Essen und da ist immer eine sehr besinnliche Stimmung. Wir unterhalten uns angeregt und das Essen geht von einem zum Anderen über die große, reich gedeckte Tafel. Das gekühlte Becks Gold steht griffbereit auf der Terrasse vorm Wohnzimmer und mal geht Sonja, Lars oder ich um für Nachschub zu sorgen. Natürlich wird viel über unsere Erlebnisse gesprochen und besonders auch darüber, wie schön es war mit Sonja und Lars zusammen die Zeit auf Naxos verbracht zu haben.

Mit der weltbesten Schwester den Sonnenuntergang genießen, was will man mehr?

Eigentlich planten sie uns im Sommer in Kanada zu besuchen, um dann wieder etwas gemeinsam mit uns zu reisen, aber daraus wird nun leider doch nichts. Sie können nicht Beide für vier Wochen Urlaub nehmen. Jutta und ich wollen ab Mai an der Westküste sein, in British Columbia, aber wenn Sonja und Lars nur für 2-3 Wochen Urlaub nehmen können, um uns in Vancouver zu treffen, dann sind die Kosten für den Flug und den Leihwagen im Verhältnis zur Entfernung und der Zeit die sie haben, zu hoch. Ich finde es sehr bedauerlich, da ich wirklich gerne dort den Part des Reiseleiters übernommen hätte. Wir waren mal für fünf Wochen in BC unterwegs, vier davon mit einem geliehenen Camper von Cruise Canada und eine Woche mit einem Mietwagen, einem GMC Envoi. Mit dem sind wir rüber nach Seattle in Washington und nach Snowqualmie, Northbend, Redmond usw. gefahren, um auf den Spuren von Twin Peaks zu wandeln.

Das ist eine fantastische Serie aus den 90er Jahren, gedreht von David Lynch und wir alle lieben sie sehr. Sonja und Lars gucken sie sogar jedes Jahr zwischen Weihnachten und Silvester komplett durch und es wäre mir ein wahnsinniges Vergnügen gewesen, ihnen die ganzen Drehorte zu zeigen. Ganz besonders das Double R Diner mit dem köstlichen Kaffee und dem berühmten Cherrypie, der in das ganze Land verschickt wird. Dann natürlich das Great Northern Hotel, den Wasserfall, die Packard Saw Mill, Big Eds Tankstelle, das Roadhouse usw..

DER Wasserfall (Da waren wir schon, das Bild ist aber nicht von uns.)

Na ja, ich schweife schon wieder ab. Wer die Serie nicht kennt, aber was mit David Lynch anfangen kann, der sollte mal probieren sie zu schauen. Sie ist Kult!

So langsam werden wir alle immer satter und nach dem Essen räumen wir den Tisch ab und stellen alles rüber in die Küche. Danach wird noch weiter gequatscht und noch etwas später meist auch noch gespielt. Gerne spielen wir Activity, wobei Horst, Lars und ich dann gegen die Damen antreten und meistens verlieren. Heinz ist dann schon wieder zu Hause. Er bleibt meist noch etwas nach dem Essen und verabschiedet sich dann. Zu guter Letzt spielen Lars, Horst und ich noch ein paar Runden Skat, bevor wir dann einen wunderschönen und sehr gemütlichen und friedvollen Abend beschließen.

Diesmal läuft es aber etwas anders, denn ich frage Jutta, nachdem alles abgeräumt ist, ob sie mir den Gefallen tun würde etwas aus meinem Blog vorzulesen. Sie stimmt zu und für mich ist auch das ein Weihnachtsgeschenk. Sonja und Lars verfolgen meinen Blog sowieso, aber das neueste Chapter kennen sie noch nicht. Ich habe es vor Kurzem erst fertig geschrieben. Auch Heinz ist noch immer mit dabei und Jutta liest vor. Ich sehe wie gebannt besonders Renate, Horst und Heinz dasitzen und zuhören. Renate und Horst haben ein breites Lächeln im Gesicht und das macht mich gerade richtig glücklich und zufrieden. Heinz erzählt mir ein paar Tage später, wie sehr es ihm gefallen hat, an diesem Abend als Jutta vorgelesen hat

So endet dieser besondere Weihnachtsabend ohne Spiele, aber mit einer etwas anderen Weihnachtsgeschichte.

Zuvor musste natürlich Chapter III aus der Türkei geschrieben werden und auch Chapter IV. Ich hatte mir ja vorgenommen zwei oder drei Nachtschichten einzulegen im Waterhole. Zwei habe ich geschafft. Und das dritte Chapter, das Jutta zum Teil an Heiligabend vorgelesen hat, das habe ich in der Nacht vom 21.12. auf den 22.12. fertiggestellt.

Ich habe dieses Mal oben im Arbeitszimmer an meinem Computer gesessen und das hat mir richtig gut gefallen. Wir haben das Arbeitszimmer auch als Gästezimmer hergerichtet und nennen es „das afrikanische Zimmer“. Ich habe es mit einer dunklen Holztapete tapeziert, so dass es wie eine Blockhütte von innen aussieht.

Im Flow im Waterhole

An die Schräge habe ich eine Leopardenmuster -Tapete geklebt. Die Decke habe ich mit Bambusmatten verkleidet. An den Wänden hängen einige Bilder von einer Keniareise. Dann haben wir eine sandfarbene Schlafcouch für Gäste oder auch gelegentlich mal für mich. Denn wenn ich erst nach 2:00 Uhr schlafen gehe, dann bleibe ich im Arbeitszimmer, um Jutta nicht mehr zu wecken, da sie morgens früh raus muss zur Schule. Also mache ich es mir bequem auf meinem Schreibtischstuhl, dämme das Licht und beginne zu schreiben. Eine kleine Kühlbox mit 5 Hemelingern habe ich mir schon bereit gestellt. Das reicht erst mal für eine Weile. Musik läuft leise zu meiner Inspiration und irgendwann kommt Jutta vorbei, um ins Bett zu gehen.

„Na kommst du voran?“, fragt sie und ich antworte: „Ja, bestens! Schlaf gut und bis morgen früh dann.“

Ich sitze und schreibe, hole mir irgendwann eine zweite Ladung eiskaltes Bier aus der Garage aus meinem Bierkühlschrank. Das ist jetzt etwas umständlicher, weil der abgemeldete Jeep in der Garage im Weg steht. Geht aber. Dann spiele ich mal Musik über Youtube, mal über Spotify oder von meiner Festplatte. Je nachdem worauf ich gerade Lust habe oder was zu meiner Schreibstimmung passt.

Ich nutze auch immer mal die Fotos, die wir unterwegs gemacht haben, wenn ich beim Schreiben die eine oder andere Situation nicht mehr so ganz genau vor Augen habe. Aber eigentlich klappt das recht gut mit der Erinnerung. Ich beame mich irgendwie zurück zum Ort des Geschehens und dann läuft es und ich tippe mir die Finger wund. Ich komme in den Flow.

Leider klappt das nicht immer so gut und dann höre ich entweder auf oder quäle mich weiter, bis ich den Flow finde. Jetzt jedenfalls habe ich ihn und schreibe bis Jutta aufsteht und sich Kaffee kocht. Nun kann ich sogar ins Schlafzimmer gehen und muss nicht im Arbeitszimmer schlafen. Feierabend für heute, Türkei Chapter III ist fertig.

Weshalb ich nur zwei Schreibsessions geschafft habe liegt auch an Lincoln Clay. Er ist ein farbiger Vietnam Veteran oder sagt man POC (People Of Colour), damit es politisch korrekt ist? Ich weiß es nicht genau und ich glaube sogar, dass es irgendjemand einfach vorgibt, was denn gerade politisch korrekt sei. Nicht mal die Schwarzen selber sind sich einig, wie sie genannt werden wollen. Von Einem habe ich gehört, er finde den Begriff POC völlig daneben, denn schließlich sei er nicht bunt. Mir ist das alles nicht so wichtig und ich muss auch nicht immer politisch korrekt sein. Ich unterscheide nicht zwischen Hautfarben, ich versuche den Menschen zu sehen. Ob mir das immer gelingt, weiß ich nicht, hoffe es aber sehr. Wer ist denn eigentlich ein POC? Sind das alle anderen, außer den sogenannten weißen Menschen? Sind es die Chinesen, die Menschen aus Afrika? Was ist mit Brasilianern, Indern oder den Nachkommen, zwischen den Kulturen und Völkern? Oder sind wir alle People Of Colour? Aber wozu braucht es denn dann überhaupt diesen Begriff? Dann könnte man genauso gut sagen „Mensch“. Manchmal ist aber eine genauere Definition der Herkunft und/oder der Hautfarbe nötig.

Nun, für Lincoln Clay brauche ich eine andere Beschreibung als Mensch, denn er erlebt die Diskriminierung und den Rassenhass der 60er Jahre in Louisiana und ich hoffe niemanden zu verletzen, wenn ich schreibe er ist ein „farbiger“ Vietnam Veteran.

Was hat jetzt Lincoln Clay damit zu tun, dass ich nur zwei statt der erhofften drei Sitzungen schaffe? Das ist ganz einfach, denn zu Weihnachten habe ich von Juttas Eltern ein Computerspiel geschenkt bekommen. Es ist so, dass wir immer einen Umschlag mit Bargeld geschenkt bekommen. Aber sie möchten auch eine kleine Überraschung dazu schenken und fragen Jutta, ob es nicht noch etwas gibt, was ich mir wünsche. Und das war im letzten Jahr das PC Spiel Mafia III.

Ich habe bereits vor vielen Jahren Mafia I gespielt. Was rede ich! Nicht gespielt, ich habe es zelebriert. Das erste Durchspielen der gesamten Story habe ich mit meinem Kumpel Stefan an meinem PC erlebt. In eben diesem Arbeitszimmer, nur war es damals noch nicht das afrikanische Zimmer, das kam später. Wir verabredeten uns meist per Mail und das sah dann ungefähr so aus: „Moin Stefan, wollen wir heute Abend New York in Schutt und Asche legen?“ (Das war lange vor 9/11, so würden wir das heute natürlich nicht mehr sagen.) „Klaro, ich bin um sieben Uhr bei dir.“

Die Story spielte in Lost Heaven, einem New York in den 1920 Jahren, entsprechend waren die Autos, die Klamotten und das ganze Set-Design. Auch die Musik im Radio war aus dieser Zeit. Es ging um einen Taxifahrer, der durch Zufall in eine Situation gerät, in der ein flüchtender Gangster einer Schießerei entkommen muss und in genau unser Taxi einsteigt. In „unser“ Taxi, weil Stefan und ich uns abgewechselt haben beim Spiel. Immer wenn einer von uns erschossen wurde, dann kam der Andere auf den begehrten Schreibtischstuhl und an die Maus und Tastatur. Man brauchte gute Reflexe, um nicht erschossen zu werden. Man musste in Echtzeit die richtigen Entscheidungen treffen und die Auge-Hand-Koordination sollte auf Topniveau funktionieren. Dann waren wir die Hauptdarsteller in einem Blockbuster. Es gab immer neue Aufträge, z.B einen Senator umlegen oder ein Rennen fahren, weil ein Fahrer ausgefallen ist. Mal mussten wir die Schwester vom Boss begleiten, damit sie auf dem Heimweg nicht immer von den selben Typen belästigt wird. Wir konnten uns in einer Open World frei bewegen. Wenn wir wollten konnten wir Autos klauen, die an der Straße parkten und dann unserem Fuhrpark zufügen. Wenn Stefan oder ich (ohne erschossen worden zu sein) einen Auftrag abgeschlossen haben, dann darf der Andere auf den begehrten Stuhl und die nächste Spieletappe versuchen. So gingen viele Stunden und Nächte dahin und ich habe dieses Spiel geliebt und es dreimal komplett durchgespielt. Eines Tages, viele Jahre später, sah ich dann zufällig Mafia II auf dem Cover einer PC-Zeitschrift und bevor Juttas Eltern fragen konnten, was ich mir denn wohl zu Weihnachten wünsche, sagte Jutta ihnen: „Ach übrigens, Jürgen wünscht sich Mafia II zu Weihnachten.“ Es war nicht ganz so grandios wie das erste Mafia, doch trotzdem habe ich es zweimal durchgespielt. Allerdings alleine, Stefan hat später nicht mehr mitgespielt.

Wieder vergingen viele Jahre und Mafia verschwand aus meinem Leben. Ich spielte auch andere PC Spiele, eine ganze Weile sogar mal World of Warcraft online. Auch Civilization und vieles mehr, aber nichts war derart faszinierend und fesselnd wie die Mafia Spiele.

Und da sich Weihnachten jedes Jahr aufs neue einstellt, kommt auch immer wieder irgendwann die Frage von Juttas Eltern: „Schätzele, was wünscht sich Jürgen denn zu Weihnachten?“

Dieses Mal sah ich es online auf dem STEAM-Portal. Es gibt eine Neuauflage von Mafia I und Mafia II. Remasterd, in neuem, aufgearbeitetem Design, besserer Grafik, besserem Sound und vielen anderen Features mehr. Aber was sehe ich denn da? Ich kann es nicht fassen, das war noch nicht alles. Da sehe ich noch ein drittes Cover in diesem Onlinepaket enthalten. MAFIA III.

Ich schreie aus dem Arbeitszimmer nach unten: „Jutta, Jutta, ich weiß jetzt was ich mir zu Weihnachten wünsche!“

Damit bin ich jetzt bei Lincoln Clay und bei Mafia III. Dieses Spiel teilt die Gemüter der Fangemeinde. Dafür gibt es mehrere Gründe, die ich nicht alle erwähnen kann. Wieder ist es ab 18 Jahren und wieder ist es sehr brutal. Aber es übertrifft meine Erwartungen um ein Vielfaches. Lincoln Clay kommt gerade aus dem Vietnamkrieg nach Hause, nach New Bordeaux. Er ist der Diskriminierung und dem Rassenhass ausgesetzt und ich bekomme das als Spieler sehr deutlich zu spüren. Denn ich bin in diesem überaus dichten und intensiven Spielerlebnis der Hauptdarsteller. Die Story ist extrem gut ausgearbeitet und es gibt viele Videosequenzen die sein/mein Leben begleiten. Es spielt in der Gegenwart der 1968er Jahre. Aber immer wieder kommen Leute zu Wort, die im Umfeld von Lincoln Clay eine wichtige Rolle spielen und auch von früheren Zeiten erzählen. Von Zeiten, in denen er/ich noch nicht so ein rücksichtsloser Verbrecher war. Gnadenlos geworden durch den Krieg, durch den Rassenhass, durch alles was einem im Leben so prägt, zieht sich eine blutige Spur durch New Bordeaux. So wie noch in Mafia I New York Vorbild war für das Spieldesign, so sind es jetzt die Sümpfe von Louisiana und New Orleans. Ich befinde mich erneut in einer Open World, die fantastisch designt ist. Ich habe auf einer riesigen Map verschiedene Handlungsoptionen zur Auswahl und mache worauf ich gerade Lust habe. Immer wieder gehe ich in eine Bar. Dort gibt es in den Washrooms Medipacks, die einem beim Überleben helfen. Ich kann auch jemanden anrufen, der mich mit Waffen und Ausrüstung versorgt, dann aber muss ich es bezahlen. In den Bars bekomme ich es umsonst, aber nicht immer bin ich willkommen. Werde ich freundlich begrüßt, dann nehme ich mir das Medipack und verschwinde. Ist der Barkeeper aber ein Rassist, dann gibt es was auf die Fresse und ich plündere seine Kasse. Ich könnte ihn auch erschießen, aber ich belasse es meist bei einem KO-Schlag. Der Soundtrack ist so fantastisch, das ich manchmal, wenn ich einen bestimmten Auftrag erledigen will, noch im Auto sitzen bleibe bis der geile Song im Autoradio zu Ende ist. So wie ich es im echten Leben auch machen würde. Das Spielerlebnis ist dermaßen intensiv, dass ich mich jetzt schon auf Louisiana und New Orleans freue, was auf jeden Fall Teil unserer Route sein wird.

Was ich eigentlich sagen wollte, wegen Lincoln Clay habe ich keine dritte Schreibsession mehr hinbekommen. Ich hatte einfach zu viel in New Bordeaux zu erledigen.

27.12.2021

Heute kommen Ohla und Carsten zum Abendessen. Die Zwillinge Emily und Daniel kommen natürlich auch mit. Für die Kids gibt es selbstgemachte Hackfleischpizza, allerdings nicht ganz so spicy, wie wir sie für uns selber machen würden. Für uns gibt es scharfes Basilikum Huhn mit Zuckerschoten und Cashewnüssen, dazu Basmati Reis. Als Beilage haben wir einen scharfen Gurkensalat mit Chilis und zerstoßenen, ungesalzenen Erdnüssen. Außerdem gibt es noch indische Papadams, wobei ich für das Hauptgericht zuständig bin und Jutta für den Rest.

Sie kommen pünktlich und wir sind auch ohne Stress mit allem rechtzeitig fertig.

Es gibt Bier und Wein zum Essen und für die Kinder Limonade. Alle sagen, dass es ihnen sehr gut schmeckt, doch ich bin mit meinem Gericht nicht ganz zufrieden. Der Reis ist etwas verwässert und die Zuckerschoten habe ich vorher etwas zu lange im heißen Wasser gehabt, so dass sie verkocht sind und nicht den nötigen Biss haben. Das passiert mir eher selten, da wir dieses Gericht lieben und ich es entsprechend oft zubereite. Auch dass wir immer dünnen Flammkuchenteig für unsere Pizza nehmen, ist für Emily und Daniel ein bisschen ungewohnt. Na ja, gelobt wird das Essen trotzdem und schnell komme ich drüber weg.

Ohla sagte schon zu Beginn des Abends, dass da noch was wäre, was sie unbedingt wissen muss und ich weiß auch schon worauf sie hinaus will. Die Zwillinge sind längst im Wohnzimmer und spielen oder schauen sich was im TV an. Wir sitzen noch gemütlich in der Küche und unterhalten uns angeregt über alles Mögliche, aber auch über Corona und die Impfungen und eine mögliche Impfpflicht. Es wird heiß diskutiert und nicht immer sind wir einer Meinung. Trotzdem verläuft der Abend harmonisch und sehr gesellig. Toll, wenn man unterschiedliche Meinungen gelten lassen kann. Ich hole noch Hemelinger für Carsten und mich und schenke den Ladies Wein nach.

Jetzt kommt Ohla und fragt mich: „Jürgen, eins muss ich noch wissen, was ist da gewesen in Skeponi auf Naxos?“ „Du MUSST es mir sagen, bitte!“

Ich ziehe die Schultern hoch und zeige auf meine versiegelten Lippen. Sie dringt nicht weiter in mich und begreift schnell, dass alle Fragerei keinen Sinn macht. Denn darüber liegt der Mantel des Schweigens. Wir alle lachen herzlich darüber, aber kein weiteres Wort kommt über meine Lippen.

Unser Dankeschön-Geschenk wollen wir aber auch noch übergeben und Jutta holt einen Umschlag von oben aus dem Arbeitszimmer. Selbstverständlich hatten wir uns im Vorfeld was überlegt für die Beiden. Einen Hamburg-Gutschein, mit dem sie dann ein Wochenende oder auch nur eine Nacht auf der Reeperbahn verbringen können. In einem Hotel nach Wahl, mit einer Show dabei und Restaurants, Kneipen und Bars. Wir kümmern uns dann um die Kinder, so dass Carsten und Ohla mal Zeit für sich haben. Ohla liest den Gutschein und danach Carsten und wir sind glücklich, dass es ihnen zu gefallen scheint. Es wird Zeit für die Kinder ins Bett zu kommen und das erledigt Ohla, „Aber vielleicht komme ich gleich noch mal wieder.“, sagt sie.

Wir wechseln rüber ins Wohnzimmer, Ohla kommt nicht noch mal rüber und Jutta hat auch genug für heute. Ich mache auf dem Fernseher You Tube an und spiele mit meinem Handy Musikvideos ab. Das mache ich ganz gerne mal, auch wenn ich nach der Spätschicht nach Hause komme und noch nicht schlafen kann. Jetzt unterhalten wir uns nur zu zweit, trinken noch einige Hemelinger und Carsten überlegt sich mal mit auf das RELAOD FESTIVAL in Sulingen zu kommen. Das ist nur eine halbe Stunde mit dem Auto von uns entfernt. Jutta und ich werden rechtzeitig zum RELOAD 2022 wieder zurück sein aus Amerika. Einen Wohnwagen haben unsere Nachbarn ja auch seit kurzem und von daher steht einem Festivalbesuch nichts im Wege. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, wie ernst es Carsten damit ist, denn wir haben schon einige Biere intus und jeder einen White Russian. Ich rate ihm sich schnell ein Ticket zu sichern, denn noch gibt es die Early Bird Tickets. Die sind 10 Euro günstiger als in der nächsten Verkaufsstufe.

Spät in der Nacht endet dann dieser schöne Abend. Ich begleite Carsten zur Tür, der noch eine Runde mit Herrn Schubert drehen wird, dem Familienhund, groß wie ein Pony. Ich genehmige mir ein letztes Bier und begebe mich auch zur Nachtruhe.

Herr Schubert (an seinem ersten Geburtstag)

Zwei Tage nach diesem wundervollen Abend bekommt Jutta eine Nachricht von Ohla geschickt. Sie und Carsten sind Corona-positiv. Die Kinder sind negativ, was sich allerdings in wenigen Tagen in ein positives Testergebnis ändert. Bis auf Weiteres bleiben sie in häuslicher Quarantäne. Wir reden jedoch durch die Hecke in unserer Einfahrt mit den Beiden. Zum Glück haben sie nur leichte Symptome.

„Verdammte Scheiße!“, denken wir uns. „Sollte das beschissene Virus uns so kurz vor dem zweiten Teil unserer Reise einen Strich durch die Rechnung machen?“

Wir sagen Silvester bei Immi und Erdal ab, testen uns jeden Tag und vermeiden alle Kontakte. Die Tests bleiben negativ und wir sind erst mal erleichtert. Doch ist uns klar geworden, wie dicht wir an einer Katastrophe vorbeigerasselt sind. Nicht auszudenken, würden wir uns jetzt noch mit dem Virus infizieren.

29.12.2021

Testergebnis negativ. Heute ist mein Impftermin in Wischhafen, aber Jutta drängt mich, es bei der Syker Ärztin zu versuchen. „Lass uns da doch vorher vorbeifahren. Wenn keine lange Schlange vor der Tür ist, sparen wir uns einen halben Tag im Auto.“ „Na gut, meinetwegen“. ,sage ich und wider Erwarten ist keine Schlange vor der Tür. Ich gehe hin, nachdem LEMMY geparkt ist und frage die wenigen Leute, die draußen vor der Tür warten, ob sie für die Impfung anstehen. Keiner steht an, alle warten auf ihren regulären Arzttermin. Am Schalter frage ich die Sprechstundenhilfe, ob ich mich hier kurzfristig boostern lassen kann.

„Kein Problem, kann in fünf Minuten losgehen.“ „Ich brauche nur Ihren Ausweis und die Krankenkassenkarte.“

„Einen Augenblick, wo habe ich die Karte…..?“, sage ich, während ich mein Portemonnaie absuche. „Sie liegt wohl zuhause auf dem Schreibtisch, ich bin von einer langen Reise zurück und habe sie gerade wohl nicht dabei. Kann ich sie schnell holen, ich wohne fünf Minuten von hier?“

Es ist Freitag der 29.12.2021 und es ist kurz vor 12:00 Uhr.

„Das geht leider nicht, um 12 machen wir zu und das Quartal endet und dann können wir es nicht mehr abrechnen. Tut mir sehr leid.“

„Ah, ok.,“ sage ich, „vielen Dank!“…..“Tut mir auch sehr leid.“, denke ich mir bloß noch.

Als wir später dann im Impfzentrum von Wischhafen ankommen, erschreckt Jutta mich total mit der Frage: „Und was, wenn die jetzt auch deine Krankenkassenkarte brauchen?“

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber mal überlegen. Wie war es denn bei den anderen Impfungen? Ich komme zu dem Ergebnis, dass ich im Impfzentrum Bremen keine Karte von meiner Krankenkasse vorzeigen musste.

Nach weniger als einer Stunde komme ich geboostert wieder raus. Check.

Auf dem Rückweg auf der Autobahn knallt es plötzlich an der Frontscheibe. Steinschlag, ein ganz schön großer Krater tut sich inmitten der Scheibe auf. So ein Mist jetzt auch noch, da müssen wir was machen, so können wir nicht Offroad fahren. Jutta bucht einen Termin bei Carglas gleich zu Beginn des neuen Jahres. Das muss noch vor der Verschiffung gemacht werden.

„Na ist doch gut!,“ sagt sie, „du musst den Tank doch eh noch auf ein Viertel leer fahren.“

31.12.2021

Silvesterabend alleine Zuhause, na nicht ganz alleine, zu zweit alleine. So wie es auch schon im Jahr davor war. Ich erinnere mich, als wäre es gestern. Wir haben uns ein tolles, relativ aufwendiges Essen zubereitet. Dazu gab es Rotwein. Jutta machte vietnamesische Frühlingsrollen, ich kleine Hackfleischbällchen, die mit gewässertem Reis paniert und gedämpft wurden. Fertig sehen die Bällchen aus, wie kleine weiße Igel. Dazu hatten wir die Papadams und den scharfen Gurkensalat, was wir auch unseren Nachbarn serviert hatten vor ein paar Tagen. Draußen schneite es seit Tagen, so wie wir es wirklich sehr selten erleben dürfen in Norddeutschland. Meine Terrasse war eine bildschöne, weiße Winterlandschaft.

Vietnamesische Frühlingsrollen
Mett- Igel mal anders 😉

Wir wollten nach vielen Jahren mal wieder „Es war einmal in Amerika“ schauen. Das ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme und ich habe ihn selbstverständlich auf DVD. Dieser Film ist ein episches Meisterwerk von Sergio Leone und geht länger als vier Stunden. Er spielt zur Zeit der Prohibition in New York und erzählt die Lebensgeschichte von Noodles, Max und den Anderen aus der Clique. Es geht um Liebe, Freundschaft und Verrat. Robert de Niro und James Woods sind herausragend in diesem Film, aber hier ist alles herausragend. Die Musik ist unübertroffen. Die Geschichte springt hin und her in den Zeiten. Mal sehen wir die Freunde als Kinder, dann wieder als Erwachsene. Gab es mal Streit zwischen Noodles und Max, dann hieß es immer: „Gehen wir schwimmen?“ und damit war der Streit begraben.

Dieser Film gehört für mich zu den 10 besten Titeln aller je gedrehten Filme.

Als wir in der Küche mit der Zubereitung des Menüs fertig waren, servierten wir uns das Essen im Wohnzimmer und genossen dabei dieses epische Meisterwerk in Dolby Surround. Schon bei den ersten Klängen der Filmmusik bekomme ich sofort eine Gänsehaut.

Danach schauten wir noch kurz nach draußen, um mit den Nachbarn anzustoßen und allen ein frohes neues Jahr zu wünschen. Wir verschickten und bekamen einige Nachrichten auf dem Handy von Freunden von hier und dort. Eine Zeit lang haben wir dann noch Musik gehört und uns unterhalten über die verschobene Reise. Wir wollten zu diesem Zeitpunkt ja so gerne direkt im Juli 2021 nach Kanada verschiffen und ganz Nordamerika durchkreuzen. Aber noch wusste keiner so genau, wo die Reise hin gehen wird.

Jutta hatte irgendwann keine Lust mehr Musik zu hören und müde war sie eh schon, so dass ich alleine noch vor dem Fernseher saß und You Tube lief. Wenn ich selber nichts mehr vorgebe, dann wird gespielt was zu meinem Profil passt und plötzlich höre ich „One Bourbon, one Scotch, one Beer“, von George Thorogood. „Gute Idee!“, denke ich und sehe wie draußen alles verschneit war, auch mein 6 m langer Tresen vor der Terrasse.

Irgendwie bin ich der Meinung, ich sollte meine gesamte Bar aus der Garage in den Schnee stellen, auf meinen Tresen. Das gibt bestimmt auch ein tolles Foto. Gedacht, getan. Ich hole alle Flaschen aus der Garage und drapiere sie in den Schnee, dann stelle ich eine Flasche Hemelinger neben den Jack Daniels und den Johnny Walker Black Label und dazu zwei Whiskygläser mit Eis. Ich trinke „On the rocks“.

Dann fülle ich eines der Gläser mit Jack Daniels, davon habe ich zwei volle Flaschen, beide von Maddi bei zwei Wetten gewonnen. Eine der Wetten war mir ein Leichtes. Es war auf einer von vielen gemeinsamen Fehmarnreisen mit MTV. Wir sind oft über Silvester (wenn ich nicht gearbeitet habe) in ein Ferienhaus nach Fehmarn gefahren. Nach Albertsdorf am Goldstrand, gleich links hinter der Fehmarnsundbrücke. Bei einem Strandspaziergang an einem kalten Wintertag vernahm ich ungläubig Maddis Worte. „Jürgen, wenn du bis über die Knie ins Wasser gehst, dann bekommst du eine Flasche Jack Daniels.“ Torre schaute mich nur kopfschüttelnd an und schien zu denken: „Maddi…, Maddi…!“ Und während er immer noch kopfschüttelnd da stand, hatte ich bereits die Hose aus und stand bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Check.

Das andere Glas fülle ich mit dem Rest aus der fast leeren Flasche Black Label. Warum die Flasche fast leer ist, möchte ich hier gerne kurz erläutern. Mein lieber Freund Erdal trinkt gerne Weinbrand und auch Whisky mit Cola. Und so begab es sich bei einem unserer jährlichen Sommerbrunches, dass er sich wohl dachte, dass der Johnny Walker Black Label doch eine feine Marke sei und der bestimmt ganz toll mit Cola schmeckt. Ich bekam davon erst was mit, als ich von einem anderen Gast darauf aufmerksam gemacht wurde, die Flasche aber bereits über die Hälfte an Inhalt verloren hatte. Ich griff mir Erdal und sagte ihm, er möge doch bitte einen günstigeren Whisky nehmen für sein Mixgetränk. Das wird dann genauso beschissen nach Cola schmecken.

Tresen am nächsten Morgen

Jetzt hatte ich ein tolles Fotomotiv, one Bourbon, one Scotch, one Beer. Als Nächstes kam wieder ein George Thorogood and the destroyers Song, der besser nicht hätte passen können. „I drink alone, with nobody else…“. In dem Video dazu sind Szenen zu sehen aus Barfly (mit Mickey Rourke) und aus Leaving Las Vegas, wo Nicolas Cage für seine Rolle verdientermaßen den Oscar bekommen hat.

Zu guter Letzt tippe ich noch Tennessee Whisky in mein Handy und der Song von Chris Stapleton läuft auf meinem großen TV-Apparat und ich genehmige mir noch einen Bourbon. Cheers.

So, das war letztes Jahr Silvester. Dieses Jahr ist irgendwie viel weniger präsent. Es war sicher auch schön, aber durch den ganzen Stress mit der Boosterimpfung, durch die Angst sich infiziert zu haben bei dem Abendessen mit Ohla und Carsten und durch die ganzen abgesagten Treffen mit unseren Freunden, die wir so gerne mal wiedergesehen hätten, ist das alles so ein bisschen nebensächlich geworden mit Silvester. Außerdem hat es nicht geschneit.

An Neujahr war nur chillen angesagt, etwas den Kater auskurieren und ab und an sagte ich zu Jutta: „Ich geh mal eben nach New Bordeaux, hab noch was zu erledigen!“

Allerdings haben wir noch Einiges zu erledigen. Auch gibt es noch wichtige Entscheidungen zu treffen. Polarvux, Martina und Hans Peter wollen wir in Oldenburg besuchen. Sie waren so nett und haben uns überflüssigen Ballast in Albanien abgenommen, den wir noch abholen wollen. Aber auch diese Verabredung sagen wir ab, um nicht das kleinste Risiko einzugehen, sich noch bei einem nicht absolut notwendigen Treffen zu infizieren und damit den Flug zu gefährden.

Über Seabridge verschiffen wir LEMMY von Hamburg nach Halifax. Sie bieten dort einen Trafo an, den wir brauchen, um LEMMY an das Stromnetz der Campingplätze in Nordamerika anschließen zu können. Dort gibt es ja 110 V und wir brauchen 230 V. Der Stromwandler wiegt 14 kg und ist laut Aussage der netten Dame von Seabridge ungefähr so groß wie eine kleine Mikrowelle.

Wir haben den Trafo bestellt, aber es stellt sich heraus, dass er durch die Feiertage nicht rechtzeitig ankommen wird, um ihn mit LEMMY zu verschiffen. Und 14 kg zusätzlich im Fluggepäck? Ausgeschlossen. Wir entscheiden uns gegen den Trafo und stornieren den Auftrag. So spare ich eine Menge Gewicht ein und Raumvolumen dazu, denn damit fallen auch die ganzen Kabel weg, die man brauchen würde. Wir müssen uns also darauf verlassen ein halbes Jahr ohne Landstrom auszukommen. Das bedeutet wir sind auf den Solarstrom angewiesen und darauf, dass die Bordbatterie während der Fahrt geladen wird. Auf die dritte Variante mit Landstrom verzichten wir bewusst und hoffen es wird gut gehen über diese 6 Monate. Es wird sich zeigen, ob es die richtige Entscheidung ist.

Ein anderes Thema ist die Gasversorgung. Wir haben zwei Alugasflaschen mit einer Füllmenge von je 2,7 Litern Propangas. Mit einer Flasche kommen wir knapp 3 Monate aus. Für die Verschiffung müssen diese Flaschen zertifiziert entleert sein. Es wird unterschiedlich streng gehandhabt, je nach Reederei und Hafen. Bei Schröder Gas in Thedinghausen lasse ich sie füllen, aber sie stellen kein Zertifikat für die leeren Gasflaschen aus. Was jetzt? Wir entscheiden uns vor Ort welche zu kaufen oder zu leihen und nehmen unsere raus. Einen Adapter zum Befüllen haben wir bereits im Internet bestellt und erhalten. Zum Glück sind wir im regen Austausch mit anderen Travellern, die auch einen Offroad Camper fahren. Sie verfolgen unsere Reise und/oder wollen nach uns rüber nach Amerika verschiffen. Einer von diesen Globetrottern ist Omi Hans, Er weist uns glücklicherweise darauf hin, dass die Flaschen in Amerika ganz andere Maße haben als unsere und das sie nicht in unser Gasfach passen werden. Das mit der Höhe hatten wir nachgeguckt, aber dass der Durchmesser der kleinsten amerikanischen Gasflasche immer noch zu groß für unser Fach ist, haben wir übersehen. Planänderung! Ich entleere die Flaschen von Hand und packe sie wieder ins Gasfach von LEMMY. Wird schon gut gehen, auch ohne Zertifikat.

Gehört haben wir von Autos, die nicht verschifft wurden, weil der Tank zu voll war, aber nicht wegen unzertifizierter Gasflaschen. Außerdem könnte ich sie in Hamburg im Hafen immer noch auspacken und mit nach Hause nehmen. Darauf lassen wir es ankommen.

04.01.2022

Seabridge teilt uns mit, dass die Atlantic Star Verspätung haben wird. Das Containerschiff liegt noch immer im Hafen von Baltimore. Es wird nicht vor dem 15. Januar in Hamburg erwartet. Laut Fahrplan sollte es eigentlich am 10. Januar in Hamburg auslaufen. Die Feiertage und schlechtes Wetter seien dafür verantwortlich, heißt es. „Aber wie soll sie es denn in elf Tagen von Baltimore nach Hamburg schaffen?“, fragen wir nach. Sie wird einige Häfen auslassen, z.B. Halifax, und/oder Liverpool/Antwerpen.

„Dann brauchen wir eigentlich auch noch nicht am 6. Januar mit LEMMY in Waltershof im Hafen sein, oder?“

„Genau, es reichen zwei Werktage vor dem 15.01.22.“

Jetzt fahre ich erstmal nach Bremen, um LEMMY gründlich zu waschen und danach zu Carglas, damit der Steinschlag in der Windschutzscheibe repariert wird. Bei der Autowäsche stelle ich einen weiteren Defekt fest. Die Rückleuchte oben links an der Kabine ist abgerissen. Ich denke sofort an den Vashlovani N. P. in Georgien. Na ja, nicht so schlimm. Ersatz bekomme ich bestimmt bei Autoteile Gehlsen in Syke.

Der Steinschlag wird repariert, bleibt aber deutlich sichtbar. Mir wird versichert, dass die Stabilität der Scheibe jetzt wieder wie neu ist. Ich will es mal glauben.

Um noch etwas mehr Verwirrung reinzubringen, bietet uns Seabridge eine Umbuchung an. Wir könnten bis zum 07.01.22 unser Fahrzeug nach Antwerpen bringen, dort würde die Atlantic Sail am 12.01.22 starten und voraussichtlich planmäßig am 24.01.22 in Halifax einlaufen.

Wir bereden das Ganze und kommen zu dem Schluss, dass das alles für uns viel mehr Stress bedeuten würde. Wir müssten Hals über Kopf packen, zusehen wie wir zurück kommen aus Belgien und hätten härtere Richtlinien zu beachten. Hier ist das Zertifikat für entleerte Gasflaschen zwingend vorgeschrieben und wird wohl auch kontrolliert und noch Einiges mehr. Wir sagen dankend ab und so übel finden wir es gar nicht, denn dann haben wir mehr Zeit LEMMY zu packen. Jetzt ist der Plan LEMMY am 10.01 nach Hamburg in den Hafen zu bringen, das heißt wir gewinnen vier Tage.

Jutta ist schon seit zwei Wochen am Packen. Ich fange zwei Tage bevor wir nach Hamburg fahren an. LEMMY ist schon wieder ganz schön dreckig durch dieses Schmuddelwetter, das wir nicht anders gewohnt sind. Das bedeutet, dass in Hamburg noch eine erneute Autowäsche fällig ist. Seabridge liefert uns alle nötigen Informationen. Was die Anfahrt angeht, wo eine Autowaschanlage kurz vor dem Hafengelände ist und den Ablauf der ganzen Prozedur im Hafengelände.

Extrem wichtig, Unterboden und Radkästen!

10.01.2022

Wir kommen in Hamburg an, genau an der Waschanlage, die Seabridge uns genannt hat. Geschlossen! Na toll. Jutta kommt kurz nach mir mit ihrem Dacia Sandero. „So ein Scheiß!“, fluche ich. So dreckig wie LEMMY ist, geht der nicht aufs Schiff. Jetzt hilft nur noch Google. Nicht weit von hier ist eine andere Self Wash Anlage. Wir sind zeitig aufgebrochen, um auf keinen Fall in Zeitnot zu geraten. Das ist jetzt auf jeden Fall schon mal beruhigend. Denn aufregend ist es schon, so eine Expeditionsmobil-Verschiffung. Auf jeden Fall stimmt schon mal die Tanknadel, sie zeigt exakt viertel voll an.

Schon fast porentief rein!

Diese Waschanlage hat geöffnet und LEMMY passt gerade so drunter mit seinen 3 Metern Höhe. Auch der Rest geht dann relativ schnell und problemlos. Wir fahren in den Hafen, ziehen unsere Westen an und folgen der Prozedur auf dem Ablaufplan. Auf das Gelände darf nur eine Person. Jutta wartet am Dacia und jubelt, als ich ohne die Gasflaschen unterm Arm zurückkomme. Check, LEMMY ist weg, steht neben FATBAASTARD und anderen Overlandern in Hamburg Waltershof. Den Autoschlüssel habe ich abgegeben und werde ihn erst wieder in Halifax/Nova Scotia entgegen nehmen. Ein ganz komisches Gefühl.

Bye bye LEMMY!
Wartest in guter Gesellschaft!

„Jutta, ich muss mal eben nach New Bordeaux, wir sehen uns später, hab dich lieb.“

„Wolltest du nicht noch schreiben?“, fragt sie.

Ach ja, stimmt. Das wollte ich doch noch machen, bevor wir fliegen. Ich bin in Verzug, drei Sessions kann ich mir abschminken. Aber zwei MUSS ich machen. Also nix wie ran.

Ich packe mir meine Bierbox und setze mich bei gedämpftem Licht an den Schreibtisch. Musik an, Hemelinger auf und die Suche nach dem Flow beginnt. Wo war ich zuletzt? Ach ja, die Odyssee mit dem PCR Test für die Georgien Einreise.

Ich versuche mich zurückzubeamen. Es ist Wochen her als wir dort waren….

Ich fange an zu schreiben, erst langsam, dann wird es schneller…, ja genau, so war es und ich sehe alles vor mir und tippe und tippe. Ich habe den Flow gefunden und arbeite bis zum nächsten Morgen. Keine Ahnung wieviel Bier ich nachgeholt habe und keine Ahnung, wann ich ins Bett gekommen bin. Aber Turkey – Chapter IV is done.

14.01.2022

Mitten in der Nacht müssen wir aufstehen. Gepackt ist alles. Ein Taxi ist bestellt, um uns zum Flughafen Bremen zu fahren. Der Flieger nach Frankfurt geht um 6:30 Uhr. Den ersten Kaffee und ein Croissant gibt es in Bremen am Airport. Bis Frankfurt läuft alles planmäßig, danach geht alles schief….

Koffer sind gepackt!

CANADA – CHAPTER I

….und wie wir verzweifelt versuchen, doch noch irgendwie nach Halifax zu kommen….

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