…und wie ich dem Schuhputzer von Istanbul den Stinkefinger zeige…
„Wie soll ich nur beginnen?“, frage ich mich, während ich die Tage bei 25 Grad und Sonne in Anamur direkt am Strand sitze, als einziger Camper. Wie fange ich an über Istanbul zu berichten, der wunderbaren Stadt, der Einzigartigen, der Weltmetropole, die auf zwei Kontinenten liegt? Georgien haben wir bereits hinter uns und sind zum zweiten Mal auf dieser Reise in die Türkei eingereist. Istanbul hatten wir bereits zuvor einmal besucht, allerdings per Flugzeug.
Heute (16. November) hatte ich ein Bad im Marmara Meer, eine Feuerstelle für ein abendliches Barbecue hergerichtet und nun sitze ich im Camper an meinem Blog und versuche einige Wochen zurückzublicken und in Istanbul anzukommen. Ich muss irgendwie die Kurve kriegen, was mir nicht leicht fällt. Mir gegenüber sitzt Jutta und liest ein Buch und eine kleine Katze, vielleicht 6 Monate alt, liegt in unserem Bett und kuschelt sich so richtig ein. Sie scheint die Reinkarnation unserer verstorbenen Zoe zu sein und Jutta würde sie am liebsten mitnehmen.

Sie folgt uns seit wir hier sind auf Schritt und Tritt, was auch daran liegen könnte, dass Jutta sie füttert und sie eine Menge Streicheleinheiten bekommt. Seit zwei Tagen geht sie ein und aus in unserem Camper, wenn die Tür auf ist. Ist die Tür verschlossen, dann maunzt sie morgens ab 8:30 Uhr vor der Tür. Sie hat das selbe Schildpattmuster wie unsere Zoe und auch in der anhänglichen Art ist sie ihr sehr ähnlich. Aber ich schweife ab, ich wollte über Istanbul berichten.
Das ich schon mal hier war erwähnte ich bereits. Immer schon wollte ich diese Metropole sehen, die die einzige Stadt der Welt ist, die auf zwei Kontinenten liegt, Europa und Asien. Das fasziniert mich, das lockt mich an. Da fällt mir ein wie überhaupt der erste Besuch dieses großartigen Schmelztiegels zustande kam. Das muss ich kurz erzählen. Vor etlichen Jahren wollten wir nach Kanada an die Ostküste fliegen, da wir Vancouver und die Westküste bereits kannten. So hatten wir also einen Flug nach Montreal gebucht. Es sollte mit Air France (Wir sammeln Meilen bei Air France und KLM über das Flying Blue Programm) von Bremen nach Amsterdam gehen. Von dort dann über Paris (Charles de Gaulle) nach Montreal.
Nun war es so, dass am Morgen der Abreise das Telefon klingelte, während ich mich gerade rasierte. „Ja, hallo?!“, sagte ich. „Herr Godt, KLM vom Flughafen Bremen hier, wir haben ein Attentat auf Sie vor.“ Ich erwiderte äußerst verwundert: „Ja ok, was denn?“ Die nette Dame vom Flughafen erklärte mir, dass der Flug von Bremen nach Amsterdam überbucht sei. Ob ich mich bereit erklären würde, statt über Amsterdam von Hannover nach Paris zu fliegen? „Ja, aber wie kommen wir denn nach Hannover jetzt so schnell?“, stammelte ich etwas aufgeregt. „Wir schicken Ihnen ein Taxi. Und für die Unannehmlichkeiten bekommen Sie jeweils einen Fluggutschein von 400 Euro.“ Ich sagte zu und fasse mal kurz zusammen, was es für uns bedeutete:
Wir flogen von Hannover nach Paris und dann nach Montreal. Da wir den Flug von Bremen nach Amsterdam einsparten, kamen wir 8 Stunden früher in Kanada an als ursprünglich geplant. Wir hatten also fast einen halben Tag in Montreal geschenkt bekommen, da wir mittags, statt abends ankamen und jeweils einen 400 Euro Fluggutschein für einen Flug nach Wahl. Davon, dass wir ewig auf das Taxi warten mussten. Davon, wieviel Nerven es uns gekostet hat, auf den letzten Drücker in Hannover am Flughafen anzukommen um unseren Flieger nach Nordamerika zu erreichen, reden wir mal lieber nicht. Aber als uns dieser rasende Taxifahrer doch noch rechtzeitig am Departure Gate abgesetzt hat und wir unseren Air France Flug nach Montreal gerade noch rechtzeitig erreichten, da war klar: Mit den Fluggutscheinen fliegen wir nach Istanbul.

Istanbul auf dem Landweg zu erreichen und dann noch über den Bosporus zu fahren, von Europa nach Asien, mit dem eigenen Fahrzeug, das war ein Traum von mir, der auf dieser Reise wahr werden sollte. Schon als wir mit dem Flugzeug von Amsterdam nach Istanbul geflogen sind und am Bosporus saßen beim Bier, mit Blick rüber nach Üsküdar, rüber auf die asiatische Seite, da war ich fasziniert. Jutta konnte es so gar nicht verstehen. Ja und? Da ist halt Asien und der Fluss ist dazwischen.
Und nun war ich auf dem Weg nach Istanbul und wir würden diese Stadt heute noch erreichen. Mit LEMMY, mit unserem Allradcamper, mit unserem Motorhome. Nur vorher gab es noch einige Probleme zu lösen. Für die Einreise in die Türkei benötigt man in Zeiten von Corona einen HES Code. Das hat Jutta online bereits erledigt. Das nächste ist eine Art Vignette für die gebührenpflichtigen Autobahnen und Brücken um Istanbul, genauer gesagt eine HGS Plakette. Die sollte laut ihrer Recherche an grenznahen Shelltankstellen oder an Postämtern (PTT) zu bekommen sein.
Der Grenzübergang lief ohne Probleme und zum Glück konnten wir an den ganzen wartenden LKW’s vorbei fahren, die viele Kilometer in der Warteschlange standen. Dann kam die erste türkische Shelltankstelle. Jutta ging rein und wurde an die nächste Shell in 5 km verwiesen. Sie kam auch in ca. 5 Kilometern, hatte aber auch keine HGS Plakette für uns. Wir möchten es doch an der nächsten Tankstelle probieren. So ging es noch ein paar Mal. Keine Tankstelle hatte diese Plakette.
Ein weiteres Problem war eine Simkarte für unseren Router zu bekommen. In Kesan parkte ich in zweiter Reihe kurz hinter einer Bushaltestelle und beobachtete das rege Treiben an diesem wuseligem Kreisverkehr in der ersten größeren Stadt nach der Grenze. Jutta versuchte ihr Glück bei Türkcell. Wir verabredeten, wenn ich weiter fahren muss (weil ich ja dort eigentlich nicht stehen durfte) dann fahre ich diese Straße hoch bis zur nächsten Haltemöglichkeit. Nach ca. 30 langen Minuten kam sie zurück. Sie lächelte etwas gequält, aber ich deutete es als Erfolg. Mit dem Googleübersetzer des Verkäufers wurde man sich handelseinig und kam zum Abschluss. Ob es funktionieren wird, werden wir erst später sehen, nach dem Einrichten des Routers.
Nach diversen vergeblichen Tankstellenstops hatte Jutta keinen Bock mehr und wollte zu einer Post fahren. Sie lotste mich durch eine andere etwas größere Stadt zu einer PTT Station und ich wartete wieder mal im Auto in zweiter Reihe. Es war mittlerweile kurz vor vier und damit kurz vor Ladenschluss. Aber dieses Mal sollte es erfolgreich sein und sie kam mit nach oben gerecktem Daumen und in der anderen Hand einem hochgehaltenem Zettel und der Plakette zurück zum Auto. Wieder war es mühsam mit der Verständigung, aber nach anfänglichen Schwierigkeiten ging es dann ganz gut. Den HGS Sticker ins Auto an die Windschutzscheibe geklebt, dann ging es endlich weiter Richtung Istanbul. Alle Problem waren gelöst. Auch den Router konnte Jutta später in Betrieb nehmen. Der Verkehr nahm zu, je näher wir Istanbul kamen. Die Autobahn war mittlerweile achtspurig und wir waren nicht mehr weit von Sulthanamet entfernt, von dem Platz, an dem wir die nächsten 5-6 Tage stehen werden.
Was mir hier besonders auffällt, unheimlich viele Zivilfahrzeuge fahren mit Blaulicht. Ich habe den Eindruck, die Leute kaufen sich die Blinklichter im Baumarkt, um schneller voran zu kommen. Nirgendwo sonst habe ich so viele zivile Fahrzeuge mit Blaulicht gesehen. Aber, da ich mich auf den recht chaotischen Verkehr konzentriere, denke ich nicht weiter drüber nach. Am Ende eines langen Fahrtages versuche ich immer besonders konzentriert zu sein, damit nicht auf den letzten Metern irgendein Scheiß passiert. „Nur noch 8 Kilometer bis zu unserem Parkplatz“, sagt Jutta. Yes, Istanbul wir sind da. Nach einer Extrarunde wegen einer verpassten Ausfahrt erreichen wir die finale Parkposition für die kommende Woche.

Wir stehen direkt am Marmarameer neben einem Park, auf einem bewachten Parkplatz. Vor uns die Einfahrt für die Tanker, die Container – und Frachtschiffe in den Bosporus und dann weiter in das schwarze Meer. Ein großer LKW steht auch hier, ein Dreiachser. Sie werden weiter fahren in den Iran und wir werden es auf Instagram verfolgen. Aber das ist erstmal alles völlig egal. Ich will nur eins, ein großes kaltes Bier! Wir sind angekommen in Istanbul.
Wir machen noch einen kleinen Rundgang und gehen etwas essen. Wir sind in Sulthanamet, auf der europäischen Seite. Wenn wir über die Schiffspassage schauen, dort wo die großen Tanker in den Bosporus fahren, dann blicken wir nach Asien. Da drüben links ist Üsküdar, rechts daneben ist Kadikoy. Wir sind hier in der Altstadt von Istanbul. Hier ist alles in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. Die blaue Moschee, die Hagia Sophia, der Topkapi Palast, der große Basar und noch soviel mehr an touristischen Highlights. Aber vor allem noch viel mehr an Eindrücken, wenn man sich einfach treiben lässt. Weit müssen wir nicht laufen, um ein kleines nettes Restaurant zu finden in einer Seitengasse. Dort kehren wir ein und nehmen draußen vor dem Lokal platz . Müde und (bei dem bereits zweiten großen Bier nach diesem langen Reisetag) auch etwas angetrunken, aber überglücklich angekommen zu sein, genießen wir das türkische Essen in entspannter Atmosphäre. Bevor wir zurück im Auto todmüde in den Schlaf fallen.

23.09.2021 um ca. 2:50 Uhr Ortszeit schrecken wir hoch aus dem Schlaf, weil plötzlich neben uns ein Auto vorüberfährt mit extrem lauter Musik. Was ist denn jetzt los? Die Musik ist nicht mal gut, irgendein türkischer Pop/Techno Mix dröhnt durch die Nacht über diesen Parkplatz. Das ist hier wohl üblich so und wird uns die ganze Woche über begleiten. Manchmal wird es um 1:30 Uhr laut, manchmal erst um 3:20 Uhr. Ein Muster konnten wir nicht erkennen in dieser Woche. Ruhig war es nie. Zu jeder Nachtzeit konnte es plötzlich sehr laut werden. Wir gewöhnten uns daran und konnten damit leben. Wir fühlten uns nach einigen Tagen sogar richtig wohl hier. Wir lebten auf einem Parkplatz in Istanbul. Am Wochenende picknicken die Stadtbewohner im Park, grillen und tischen ordentlich auf. Leider lassen sie dabei auch ihren Müll zurück, worüber ich an anderer Stelle noch berichten werde. Wir lernen die Kleinbusfahrer kennen, die hier täglich parken und Tee trinken während sie auf Aufträge warten und im Park sitzen. Ich habe meine Tankstelle (ca. 400 m von hier) wo ich den Peetank täglich entleeren kann. Wir trinken unseren Kaffee im Park, wenn wir nicht unterwegs sind, beobachten die Riesentanker und es kehrt Routine ein in unser Stadtparkleben.

Dann plötzlich steht da ein Sprinter neben uns, der kommt uns bekannt vor. Dandovueltas ist das. Jose, der argentinische Globetrotter, der in Andorra lebt mit seiner Frau Celina und seinem Sohn Luca. Wir kennen uns bereits sehr flüchtig aus Albanien und dann von den Meteora- Klöstern. Und jetzt treffen wir uns zum dritten Mal unplanmäßig in Istanbul. Wir sehen uns hier auf diesem Parkplatz von nun an öfter während dieser Woche und haben nette Gespräche zwischendurch. Uns wird klar, die Welt ist klein und die Szene die wirklich reist, die lange reist, die ist groß. Und auch hier ist es nicht die letzte Begegnung mit Jose und seiner Familie.

Am nächsten Tag machen wir einen Fahrradausflug. Man kann hier in der Altstadt gut alles ablaufen, aber heute will ich über die Galatabrücke nach Beyoglu in das moderne Istanbul. Karakoy und Beyoglu sind die Ausgehviertel, die Szeneviertel der Stadt. Ich will bis zum Taksim Platz fahren. Immer schön am Wasser entlang, über die Galatabrücke, am Galataturm vorbei, bis es zu steil wird zum Fahrrad fahren. Ab jetzt wird geschoben, bis es wieder etwas weniger steil ist in der Iskidal Kadesi. Dort fährt diese schöne, alte Straßenbahn. Ähnlich der bekannten Straßenbahn in San Francisco, nur das die in Istanbul nicht an Seilen gezogen wird. Oben am Taksim Platz angekommen schauen wir mal auf der Map nach, ob wir die zuvor auf Google recherchierten Kneipen finden. Eine soll hier ganz in der Nähe sein, die ROCK’N ROLLA Bar.

Wir finden sie wenige Augenblicke später und sind begeistert. Die Musik ist top, die Bedienung ist zum Knutschen (findet Jutta auch!) und das Bier ist kalt, local und lecker. Draußen sind alle Tische besetzt, also gehen wir rein. Innen prangt ein riesengroßes Bild von Lemmy Kilmister an der Wand, gut ausgeleuchtet. Er zeigt der Welt den Stinkefinger. Ich fühle mich auf Anhieb sauwohl und bestelle „Local Beer“. Für den kleinen Hunger gibt es etwas Fingerfood. Ungewöhnlich für die Türkei finden wir, aber die Kroketten hier sind sensationell. Mir gefallen die T-Shirt’s der Angestellten sehr und darum frage ich die kleine, sympathische Bedienung, ob man hier solche Shirts kaufen kann. Sie scheint mich nicht zu verstehen, geht an einen anderen Tisch und kommt mit einem Gast, den sie zu kennen scheint, zu mir zurück. Ich erzähle ihm, was mein Anliegen ist und er teilt es ihr mit. Sie sagt ihm wieder etwas, was er mir dann übersetzt. Das sei wohl alles nicht so einfach und ich kann leider kein Shirt bekommen. Naja, ist ja auch egal. Wir haben eine Stammkneipe in Istanbul. Solange wir in der Stadt sind, solange kommen wir hier auch her.

Mit der Istanbulkart geht das alles sehr einfach. Wir können damit Fähre fahren, Metro, alle Busse, Straßenbahn und womöglich noch mehr. Diese Karte haben wir uns auch gleich besorgt. Nur wussten wir nicht, dass wir den HES Code hätten eingeben müssen, um sie freizuschalten. Aber auch diese Hürde wurde genommen durch eine äußerst hilfsbereite Türkin an der Straßenbahnhaltestelle, an der wir trotz bezahlter Istanbul Kart nicht einsteigen konnten, weil eben diese nicht mit dem HES-Code freigeschaltet war. Sie erklärte uns was zu tun ist, zeigte uns auf ihrem Handy auf welcher Internetseite wir online die Karte mit unseren HES-Codes verbinden konnten.
Wir haben uns fast alle touristischen Highlights angesehen, aber darüber möchte ich hier nicht berichten. Sie haben alle ihre Faszination, mehr oder weniger. Jeder Istanbul Besucher wird sich darüber informieren und entscheiden, was er oder sie sehen will und das soll auch genau so sein. Den Topkapi Palast haben wir auch beim zweiten Besuch nicht gesehen, beim dritten Mal klappt es sicher. Alles Andere kann ich uneingeschränkt empfehlen. Besonders beeindruckend finde ich die 6-stündige Bootstour, die von dem städtischen Bosporosdampfer angeboten wird. Sie geht den ganzen Bosporus hoch bis zum schwarzen Meer.

Das möchte ich ausdrücklich erwähnen und jedem ans Herz legen zu machen. Mittlerweile gibt es sogar eine dritte Brücke über den Fluss, der Europa von Asien trennt, die Yavuz Sultan Selim Köprüsü Brücke. direkt vor der Mündung des Bosporus ins schwarze Meer. Der Anblick ist spektakulär. Von Kavagi, wo der Dampfer für zwei Stunden anlegt, kann man zur Festung auf den Berg wandern, eine Mittagspause in einem der netten Lokale machen, oder nur ein Eis essen und spazieren gehen. Oder man macht das Alles, da die zwei Stunden bis zum Ablegen des Dampfers ausreichend Zeit sind. Diese Tour ist günstig und ein absolutes „Must do“ in Istanbul.

Nach einer mal wieder unruhigen und lauten Nacht wollte ich gerne am Abend in die ROCK ‚N ROLLA Bar gehen. Also erst in den Bus, dann in die Metro und vom Taksim Platz noch ein paar Meter laufen. Da wir noch nicht gegessen hatten, wollten wir dies nachholen, aber heute nicht nur Fingerfood. „Hey!“, rief da einer zu uns rüber. „Heute nicht mit den Bikes unterwegs?“ Den Typen hatten wir gestern schon gesehen und er wollte uns in das Restaurant in der Nebenstraße des ROCK ‚N ROLLA locken. Gestern sagte ich zu ihm: „Maybe tomorrow“ (Das sage ich eigentlich immer, auch wenn ich es gar nicht vorhabe) Klingt höflicher als „No“. Wir gingen in das Restaurant und es war super. Wir saßen draußen auf der Terrasse und plauderten mit ihm, während wir auf das Essen warteten und er nach anderen potentiellen Gästen Ausschau hielt. Er empfahl uns nach Bodrum zu fahren und gab uns direkt eine Anlaufadresse mit. Ich dachte nicht zum ersten Mal seit wir in Istanbul sind, wie geil ist die Türkei und die gastfreundlichen Türken.
Nach dem Essen eben um die Ecke ins ROCK ‚N ROLLA. Draußen wieder alles voll, also rein in den Laden. Echt etwas abgefuckt diese Ecke von Beyoglu. Genauso wie ich es mag. Abseits der Designerläden, der Einkaufstempel, der stylischen Boutiquen und des ganzen Schickimicki. Hier laufen auch echte Typen rum, nicht nur die durchgestylten Werbegesichter. Das ist es, was ich damals schon liebte an Istanbul. Es ist eine weltoffene Metropole. Hier läuft die Punkerin in Minirock und High Heels neben der Muslima in Burka. Hier spaziert der Emo neben dem Yuppie durch die Straße und alles ist wunderbar. Niemand stört sich an dem Anderen. Und sollte es nicht genau so sein? Der Metalhead sitzt neben dem Banker in der Bar. So what? Das sind wieder die Momente die mir zu denken geben. Es könnte alles so einfach sein, wären wir Menschen nicht so begrenzt und eingeschränkt in unseren eingefahrenen Denkweisen.
Aber um darüber nachzudenken bin ich heute nicht hier, sondern um zu trinken und Musik zu hören. Und da kommt auch schon die nette, kleine Bedienung von gestern. Zwei Bier bestellen wir und freuen uns wieder hier zu sein, während ein geiler Song läuft. Ich komme nicht drauf, welcher Song das ist, deshalb shazaame ich ihn. Im WLAN sind wir längst angemeldet. Als die entzückende Bedienung mit den Bieren zurück ist hat sie noch was dabei. Sie stellt die Biere auf den Tisch, Lemmy schaut zu uns rüber und zeigt uns den Stinkefinger. Dann drückt sie mir ein kleines Päckchen in die Hand. Sie macht merkwürdige Gesten, ich deute es so, als solle ich es verstecken, als soll es niemand sehen, was sie mir gerade gibt. Ich mache es so, wie sie es mir andeutet und lasse es unter dem Tisch verschwinden, gebe es verdeckt Jutta rüber und sie packt es unauffällig in ihre Handtasche. Die Bedienung schenkt mir noch ein Lächeln und ein“ Psst“, verschwindet und widmet sich den anderen Gästen. Ich sage zu Jutta: „Ich glaube sie hat mir ein T-Shirt gegeben.“
So gingen die Tage dahin in dieser fantastischen Stadt, zwischen Europa und Asien. Wir kauften das erste Mal während unserer langen Reise Postkarten. Die wollten wir auch verschicken, aber nirgendwo gab es einen Briefkasten. Wir hielten Ausschau, aber weder rot noch blau oder gelb schien ein Briefkasten zu sein. Dann fragten wir mal nach. Die Antwort stimmte uns nicht gerade glücklich. Aufgrund der erhöhten Bomben- und Anschlagsgefahr gibt es kaum Briefkästen oder Mülleimer. Man muss alles direkt bei einer PTT-Stelle abgeben. Die musste natürlich offen haben, weil es auch davor keinen Briefkasten gab und das war für uns schon eine Herausforderung, aber eine lösbare.
Es ist ein T-Shirt, von der ROCK’N ROLLA Bar. Und es passt wie angegossen. Diese kleine Bardame hat mich mit dem Geschenk überglücklich gemacht. Meine Lieblingsbar in Istanbul war es ja eh schon, aber mit diesem Geschenk hat sich die Kneipe für immer in mein Herz gebrannt. Ich weiß sicher, ich werde auf dem Rückweg hier vorbeischauen. Dann wird es wohl kurz vor Weihnachten sein.


Istanbul, die großartige, die unbeschreibliche Stadt. Was soll ich noch darüber sagen? Besucht sie selber, erlebt sie, erfahrt sie, riecht sie und schmeckt sie. Sie ist unglaublich und unbeschreiblich. Manchmal ist sie scharf gewürzt, manchmal fad. Sie ist todschick und abgefuckt zugleich. Istanbul ist eine Hure und sie bietet jedem was er sucht. Sie ist das Tor nach Asien und wer über Land diesen Weg einschlägt, der kommt an dieser Metropole nicht vorbei.
Aber ich wollte ja noch erzählen, wie ich dem Schuhputzer von Istanbul den Stinkefinger zeige! Wir waren sehr viel unterwegs in dieser himmlischen Stadt. Wir sahen die Hagia Sophia, die blaue Moschee, den großen….ach ihr wisst schon.
…und als wir dann, an der Einmündung vom Marmarameer in den Bosporus, auf dem Weg waren zu unserem Parkplatz, zu unserem Zuhause, da passierte es. Und es geschah zum zweiten Mal. Das gleiche Spiel hatte ich Jahre zuvor erlebt auf der Galatabrücke, als ich das erste Mal in Istanbul war, in der betrügerischen Metropole. Nichts Böses ahnend gingen wir blauäugig, wie viele andere Touristen auch, über die Galatabrücke. Wir wollten auf den Galata Turm, um die schöne Aussicht zu genießen und dann passierte es…..ein Schuhputzer lief vor mir her und verlor seine Bürste. Wie jeder anständige Mensch dachte ich sofort: “ Oh je, sein Handwerkszeug, wie soll er ohne seine Bürste Geld verdienen?“ Es war mein Reflex seine Bürste aufzuheben und ihm zu geben. Sein Reflex war, mir in der gleichen Sekunde seine Schuhputzerschmiere auf meine Latschen zu klatschen und mir die Schuhe zu polieren. Wir beide wussten, ich war auf seinen Trick reingefallen…, doch da ich reiseerprobt war, versicherte ich ihm sofort: „I don’t pay you!“Erstaunlicherweise brachte ich es dann doch nicht fertig ihm nichts zu geben, nachdem er mir die Schuhe dermaßen ordentlich und schön geputzt hatte.
Wir waren auf dem Heimweg, so kann man wohl sagen, wenn man in Istanbul auf einem Parkplatz wohnt. Es war etwas regnerisch die letzten Tage, deshalb ging ich auf der Mauer links vom Gehweg, denn dort waren dauernd Pfützen. Jutta ging auf dem Weg und machte einen Bogen um die Pfützen. Dann sah sie ihn kommen, lange bevor ich wusste, was auf mich zukam. „Da kommt ein Schuhputzer.“, flüstert sie mir zu. Ich hörte sie nicht. Ich erfreute mich am schönen Wetter, denn die Sonne schien wieder, es war ein herrlich warmer Tag im Spätsommer und wir sind auf Reisen in einer der faszinierendsten Metropolen der Welt. „Achtung, ein Schuhputzer!“, ruft sie mir rüber, ich höre es nicht. Dann passiert es wieder, das Gleiche wie Jahre zuvor auf der Galatabrücke. Er lässt seine Bürste fallen, dermaßen geschickt, dass sie genau auf dem Mauer-vorsprung vor mir liegen bleibt und …, ich gehe vorbei. Ich hebe sie nicht auf und trage sie ihm nicht hinterher. Er selber hebt sie auf, dankt mir und kommt auf mich zu. Ich weiß was er will und komme ihm zuvor. Ich erhebe meinen Zeigefinger, bewege ihn von links nach rechts und lächle ihn an. Er begreift, dass er mich nicht mit diesem Trick abzocken kann. Und ich zeige ihm nur in meinen Gedanken den Stinkefinger, so wie Lemmy im ROCK ‚N ROLLA der Welt den Stinkefinger zeigt. Denn alles andere wäre ja sehr unhöflich.
….und was als nächstes geschieht….
Turkey – Chapter II
…und wie ein selbsternannter Watchman versucht mich um 100 $ zu erleichtern…

Wow, was für Erlebnisse. Aber um ehrlich zu sein: wenn ich in Brasilien bin, freue ich mich immer über das dortige Schuhputzer-Handwerk. Die können es viel besser als ich jemals die Geduld dafür hätte. Aber dort sitzt man auch immer auf einem sehr bequemen Sessel… Schöne Zeit noch auf eurer Reise Richtung Westen – und bleibt gesund!
Hallo Jens, ja stimmt, die putzen natürlich besser die Schuhe als wir selber, aber ich möchte entscheiden, wann und vom wem ich den Service nutze. 😎👍
Hallo Jürgen, hallo Jutta,
ich habe nun mit Turkey – Chapter I alle eure Beiträge gelesen. Jeder Reisebericht hat mich gefesselt. Zu lesen war jeweils so kurzweilig. Jürgen schafft es sowohl die erlebten Geschichten, als auch die damit verbundenen Gedanken und Gefühle toll auszudrücken. Ich möchte gerne mehr davon lesen.
Weiterhin eine gute Zeit auf eurer langen Reise.
Lieber Helmut, vielen Dank für Deine positive Kritik und Deine aufmunternden Worte, die mich seit unserem Treffen immer wieder erreichen. Melde mich später bei Dir.
LG Juergen